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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

 

Thomas Rurik

Synchronopsen als Gestaltungsmedien

 

Die Beschäftigung mit der »Geschichte« in ihrer Universalität ist heute nahezu unmöglich geworden. Der Zugang zu historischer Komplexität und die intellektuelle Bewältigung komplizierter geschichtlicher Ereignisse erfordern in Zukunft Mittel und Wege, um wenigstens auf einem überschaubaren Stand der Dinge zu sein. Bei einer explosiv anwachsenden Wissensproduktion in Wissenschaft und Technologie wird es immer zwingender, Handlungs- und Orientierungswissen für die alltägliche Lebenswelt zu haben.
Während die heutige Ausbildung immer noch an einem bildungsbürgerlichen Lernbegriff festhält, der an die klassischen Ideale von Objektivität, Perfektion, Vollständigkeit und Wahrheit gekoppelt ist, verläuft unsere soziale Wirklichkeit ganz anders. Sie ist hochgradig segmentiert und atomisiert, kümmert sich nicht um abstrakte Begriffe und Modelle, die noch weitgehend aus dem 19. Jahrhundert stammen.
Die angewachsenen Daten- und Wissensmassen suchen sich ihre Wege und Pfade in die verwalteten Archive und Faktendepots, deren Speicherplätze immer größer werden. Wenn die »Geschichte« dagegen als Kommunikations- und Handlungszusammenhang begriffen wird, dann kann sie weder in die technischen Magazine verbannt werden noch nur wenigen Eingeweihten zur Verfügung stehen.
Die pädagogisch-didaktische »Visuelle Kommunikation« arbeitet mit Gestaltungsmedien, die den Vorteil haben, komplizierte Sachverhalte darstellen und für jeden zugänglich machen zu können.

Die ersten Synchronopsen
Der geläufige Begriff »Synopsis«, der traditionell eine Zusammenschau oder die zusammenfassende Übersicht ähnlicher Dinge meint, bezieht sich auf parallele Spalten, in denen Sachverhalte nebeneinander gedruckt werden, um die inhaltliche und formale Verwandtschaft untersuchen zu können. Bei den frühen evangelistischen Synoptikern (Matthäus, Markus, Lukas) mußte die Lösung eines synoptischen Problems sowohl die Übereinstimmung als auch die Unterschiede klären.
Ein sehr frühes gestalterisches Erzeugnis in »synchron-optischer« Darstellung findet man in der römischen Trajanssäule, die dem Kaiser nach den Dakerkriegen errichtet wurde. Imitiert wurde diese »Synchronopse« durch die »Marc-Aurel-Säule«, die schon deutlicher einen zeitlichen Verlauf anhand eines durch Windungen aufsteigenden Reliefbandes zeigte. Die Chronik der laufenden Kriegsereignisse wurde dann später auch im »Teppich von Bayeux« bildlich erzählt. Er schildert die Eroberung Englands durch die Normannen 1066 bei Hastings.
Während diese Darstellungen einen linearen Prozeß von Ereignissen oder Tatsachen zeigen und synchronoptisch die visuelle und die Leserichtung in der Horizontalen verläuft, ergaben sich seit dem neuzeitlichen Denken (Cartesianische Revolution) im 17. Jahrhundert neue visuelle Möglichkeiten, Synchronopsen darzustellen. Mit der Durchsetzung der »Analytischen Geometrie« und des Koordinatensystems (»Cartesianische Gitter« bestehen aus einer vertikalen y-Achse und aus einer horizontalen x-Achse) werden in der Zeit nach René Descartes (1596 bis 1650) bis heute zweidimensionale Synchronopsen nach dem Matrix-Prinzip konstruiert.
Eine exemplarische Synchronopse für die horizontale und vertikale Leserichtung stammt aus dem 18. Jahrhundert von Joseph Priestley, die - bedenkt man das Entstehungsjahr 1769 - der Synchronopse über die »Geschichte der modernen Mathematiker« von Charles Eames und der »Synchronoptischen Weltgeschichte« von Arno Peters nicht unverwandt aussieht. Die Darstellungen von Peters und Eames sind 200 Jahre später entstanden.

Synchronopsen contra Wissenschaft?
Das Medium »Synchronopse« hatte es historisch immer schwer, sich gegen die Vorherrschaft von Büchern durchzusetzen. Die Wissenschaft hütet noch heute Texte vor Bildern, schaut meistens auf diejenigen verächtlich herab, die in wissenschaftlichen Werken visuelle Darstellungen zur Unterstützung von Textmaterial einsetzen. Vorwürfe wie »Populärwissenschaft« oder »Bilderbücher« sind schnell erhoben. Die ganze Geschichte der »Visuellen Kommunikation«, speziell die »Typografie«, weiß davon ein Lied zu singen. Das Vorurteil, daß Bücher hauptsächlich aus Text zu bestehen haben, resultiert unter anderem daraus, daß ›Bildern‹ nicht derselbe Rang an Exaktheit zugebilligt wird wie wissenschaftlicher Begrifflichkeit.

 

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