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form+zweck 45

Visuelle Kommunikation. Information Design

 

Joachim Krausse

Über das Bauen von Weltbildern

 

Je älter er wurde, desto mehr lag ihm daran, die Wahrnehmung der Erde als rotierender Sphäre zu schärfen. Er war überzeugt davon, daß alles Unverständnis dieser Welt mit falschen Vorstellungen verbunden sei, die uns vom Auf- und Untergehen der Sonne reden lassen oder von »ihr da oben im Weltraum« und »wir hier unten auf der Erde«. Oben und unten war für ihn keine adäquate Bestimmung, es handele sich um ein und aus oder herein und hinaus oder innen und außen. »Die Erde dreht sich, so daß sie die Sonne verdunkelt. Die Sonne geht nicht unter. Ich möchte, daß Du das fühlst wie ich. Wir drehen uns herum und verdunkeln die Sonne. Wir haben eine Sonnenverfinsterung: die Erde dreht sich sehr schnell herum und verdeckt die Sonne. Es ist ganz leicht, das zu fühlen, zum Beispiel, wenn Du Dich nach Norden wendest und drehst den Kopf zur linken Schulter. Jetzt gib acht! Und Du fühlst plötzlich, wie dieser enorme Erdball sich um seine Achse dreht. Unglaubliches Tempo. Und eine schöne ruhige Bewegung. Und wir drehen und drehen uns hier herum. Du mußt Deine Beine weit auseinander machen, den Körper nach Norden richten und die Sonne genau im Augenwinkel haben, dann fühlst Du, wie sich dieser enorme Erdball herumwälzt hier um die Polarachse. Ich möchte, daß ihr jetzt alle mit mir dahin schaut. Schaut auf das Ding und fühlt diesen großen Horizont. Die Sonne macht überhaupt nichts, wir wälzen uns wirklich herum. Das ist absolut Wirklichkeit.«

Aber nicht nur im hohen Alter - er war hier über achtzig, als das aufgezeichnet wurde - verstand er es, seine Zuhörer und Schüler angesichts der runden Realitäten dieser Erde in Begeisterung zu versetzen, sondern sein Debut als Architekt, Technologe und Theoretiker setzt bereits mit einem sehr charakteristischen Blick auf's Ganze ein.

Von einem ziemlich weit entfernten Satelliten oder einer Orbitalstation über Barcelona etwa erfaßt das Auge den Erdglobus, dessen Achse zum Betrachter geneigt den Blick auf die Land- und Wassermassen vor allem der nördlichen Halbkugel freigibt. Fuller, der diese Ansicht gezeichnet und 1928 seiner ersten programmatischen Schrift »4D Timelock« beigegeben hat, notiert auf dem Blatt:

»26 Prozent der Erdoberfläche ist Land

85 Prozent des gesamten Landes ist hier zu sehen

86 Prozent des gezeigten Landes befindet sich über dem Äquator

Die gesamte Menschheit könnte sich auf den Bermudas aufstellen

Zusammengedrängt auf England würde jeder einzelne 150 Quadratfuß Platz haben

›Vereint stehen wir, getrennt fallen wir‹ ist in geistiger Hinsicht falsch. 2 Milliarden neue Wohnhäuser werden in den nächsten 80 Jahren gebraucht.«


Die Dymaxion-Projektion
Als die Vereinigten Staaten von Amerika in ihrem dritten Kriegsjahr im Begriff waren, ihre Nordafrika-Offensive zu starten, kam die Redaktion der Illustrierten LIFE auf eine ausgefallene Idee. Um ihren amerikanischen Lesern eine genauere Kenntnis davon zu geben, wo sich auf der Welt der Ort des aktuellen Geschehens befindet, über das so oft und ausführlich in Wort und Bild berichtet wurde, stellte LIFE die mittleren 15 Seiten des ersten Märzheftes 1943 für einen Ausschneidebogen zur Verfügung, der, auf stärkerem Papier vierfarbig bedruckt, drei- und viereckige Ausschnitte einer Weltkarte zeigten. In mustergültiger Klarheit waren an den Rändern der Dreiecke und Vierecke die Falt- und Schnittkanten eingezeichnet, und eine ergänzende Instruktion in Bild und Wort machte - für jedes Schulkind verständlich - klar, wie die Teile zu einem Ganzen zusammengefügt werden sollten. Der Witz an der Sache war, daß das Endprodukt verschiedene Gestalt annehmen konnte. Einmal gab es die Möglichkeit, die überstehenden Falze der Dreiecke und Vierecke zum Zusammenkleben mit den anschließenden Teile zu benutzen; folgte man dieser Anleitung, so erhielt man ein räumliches Objekt, einem Globus ähnlich, jedoch in der Form eines regelmäßigen Polyeders, bestehend aus vierzehn Flächen, acht Dreiecken und sechs Vierecken. In der Größe entsprach dieser Vierzehnflächner einem Globus mit ca. 30 Zentimeter Durchmesser. Fragte sich nun der Leser, ob es nicht doch besser sei, statt dieses seltsamen geometrischen Körpers doch lieber einen veritablen Globus in die Hand zu nehmen, eröffneten sich die weiteren Möglichkeiten, mit den Teilen wie mit einem Legespiel, einem Puzzle, umzugehen und eine flache Weltkarte zusammenzuschieben. Hierbei - so wurde gezeigt - gab es durchaus nicht die eine, definitive Lösung, sondern viele »richtige«. In diesen vielen richtigen Lösungen des Weltkartenspiels wurden nicht nur fixe Vorstellungen von der Welt, wie sie bestimmte Kartenprojektionen in unseren Köpfen erzeugen, verfremdet und relativiert, sondern es wurde auch demonstriert, wie sich Bilder vom Zusammenhang der Kontinente und Ozeane durch bestimmte Standpunkte und Interessen in Geschichte und Gegenwart formieren. Im Handumdrehen war aus dem harmlosen Karten-Spiel eine geographisch-politische, eine historisch-strategische Lektion für Fortgeschrittene geworden. Diese Instruktions- und Designkunststück war das Werk des achtundvierzigjährigen Buckminster Fuller. Aus einem bau- oder kunstgeschichtlichen Blickwinkel erscheint dieses kleine, anspruchslose Papierfaltwerk in einer Illustrierten wie eine Gelegenheitsarbeit, ein kapriziöses Seitenstück zu seinen Hauptwerken, von denen sich ihr Schöpfer von Zeit zu Zeit erholen mußte. Daß es sich bei der Dymaxion-Weltkarte im Gegenteil um ein Hauptwerk Fullers, ja, ein Schlüsselobjekt nicht seines Werkes aus der zweiten Lebenshälfte handelt, überdies ein Schlüssel zu seiner in den Nachkriegsjahren entfalteten Design-Philosophie, dies zu erkennen, blieb eher Außenseitern der Architektur, der Kunst- und Baugeschichte, vorbehalten.


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