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form+zweck 6

Design. Begriff und Berufsbild

 

 

Michael Drewelow

» ... Das beste Bauwerk im Orte ... «

 

Noch im Jahre 1986 zogen etwa 2700 hauptamtliche Kulturhäuser und Klubs sowie über 50000 ehrenamtlich arbeitende Klubs in der DDR 137 Millionen Menschen an. Die große Bedeutung, die das Kulturhaus in den letzten 40 Jahren im Osten Deutschlands als räumliche Bedingung für die Entwicklung massenkultureller Prozesse zu haben schien, kontrastiert mit dem Schicksal, das gerade diese Einrichtungen nach dem politischen Umbruch seit 1989 hart traf und trifft. Eine bisherige Bilanz spricht im Lande Brandenburg davon, daß »ca. 40% der ehemaligen staatlichen Kulturhäuser, 50% der Jugendklubs und fast 70% der Betriebskulturhäuser heute nicht mehr zum engeren oder weiteren Verwaltungsbereich der Kulturverwaltungen gehören.« Die Nutzung von Kulturhäusern als Warenlager oder Shopping-Center zeugt vom fragwürdigen Umgang mit einem heute eher ungeliebten Relikt der Vergangenheit, dem doch einmal eine glanzvolle Perspektive vorausgesagt wurde. Die frühen 1950er Jahre versprachen den Kulturhäusern als »Geschenk des Sozialismus an die werktätigen Menschen«, daß sie sich »in Zukunft in unseren Dörfern und Städten als Begriff und als Bauwerk ... und in Raumfolge und Aufbau zum Typus vereinheitlichen und in ihrer künstlerischen Aussage zu einem Symbol unserer Zeit verdichten» werden.


Die Suche nach neuen Idealen

Unter den Bauaufgaben, die in der DDR von Anbeginn hohe gesellschaftliche Wertschätzung erfuhren, nimmt das Kulturhaus eine hervorragende Stellung ein. Das hat mit den Aufgaben zu tun, die ihm der neue, mit staatlicher Macht ausgestattete Bauherr zuwies. Neben seiner ›eigentlichen‹ Funktion, sollte das Kulturhaus die Intentionen eines mit dem Begriff »Kulturrevolution« umrissenen ideologischen und kulturellen Umwälzungsprozesses in der architektonischen Gestalt symbolhaft zum Ausdruck bringen.

Doch zunächst gab es in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands noch eine Vielfalt kulturpolitischer Konzepte. Auch Architekturdiskussionen um mögliche Vorbilder für den Wiederaufbau der deutschen Städte waren noch offen. Allgemeiner Konsens bestand darin, dem Bauen menschliches Maß zu geben und seine inhaltlichen Probleme vor formale, stilistische Fragen zu stellen. Monumentalität und Machtsymbolik wurden nicht nur mangels neuen Inhalts und materieller Voraussetzungen abgelehnt. Städtebaulich wurden die Ideen der »Charta von Athen« favorisiert, architektonisch kam die gesamte Palette der Reformbestrebungen seit der Jahrhundertwende als Rezeptionsfeld in Betracht. Mit der Teilung Deutschlands und der zunehmenden Konfrontation der Systeme wich die relative Offenheit in der Kulturpolitik. Architekturdiskussionen wurden kontrollierter und zudem ideologisch stark belastet. Für das Aufbauwerk solch großen Ausmaßes, eingebunden in den Versuch der Realisierung einer gesellschaftlichen Utopie, waren einheitliche ästhetische Leitvorstellungen gefragt. Während sich in der Zeit des Zweijahrplanes 1949/50 noch unterschiedliche Konzeptionen fortsetzten, begann 1950 das intensive Suchen nach neuen architektonischen Idealen. Die staatlich gelenkte Hinwendung zu den Erfahrungen der Sowjetunion, begleitet durch eine starke Propagierung sowjetischer Architekturleistungen der letzten zwei Jahrzehnte war eine logische Konsequenz, sollte das Bauen doch wie dort auf eine sozialistische Basis gestellt werden. In Abgrenzung zur gesellschaftlichen und architektonischen Entwicklung in der westlichen Welt war die Anerkennung des baukünstlerischen Vorbildes der UdSSR ein vorrangig politisches Bekenntnis. Die 1950 von der Volkskammer verabschiedeten »Grundsätze des Städtebaus« stellen eine unmittelbare Übernahme sowjetischer Ideen zu Stadtplanung und Architektur dar. Die hier eingeleitete offizielle Abwendung von der Moderne vollzog sich im scharfen ideologisch geprägten Kampf gegen den »Formalismus« und »Kosmopolitismus« - für eine Architektur der »nationalen Traditionen«, die gleichzeitig sozialistisch sein sollte. Solches Bauen erhob außerdem den Anspruch, einen Beitrag »zur Verteidigung der Einheit der deutschen Architektur« zu leisten und damit dem politischen Willen zur Einheit im Wiederaufbau architektonischen Ausdruck zu verleihen. Der neue Kurs wurde mit dem Aufbaugesetz von 1950 rechtskräftig. Es erklärte die »Grundsätze des Städtebaus« zur Grundlage der Baupraxis in den 53 »Aufbaustädten« des ersten Fünfjahrplanes 1951-55.


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