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form+zweck 6

Design. Begriff und Berufsbild

 

 

Heinz Hirdina

Die Moderne gegenständlich

 

Vorbemerkung

Von zwei Zeitungsmeldungen, die vor einiger Zeit erschienen sind, besagt die eine, man habe einen Stamm entdeckt, der weder Feuer noch Werkzeuge kennt, die andere, man habe in Japan ein Verbandsmaterial entwickelt, das über den Zustand der verbundenen Körperzone Auskunft gibt. Die Angehörigen des entdeckten Stammes sind nicht in der Lage, Arbeitserfahrung, Erfahrung im Umgang mit der Natur gegenständlich zu speichern, Erfahrungen in Werkzeugen zu speichern. Im zweiten Fall ist nicht nur die menschliche Erfahrung als Vergangenes gespeichert, sondern auch als Aktuelles. Das Verbandsmaterial als Arbeitsmittel informiert über den Zustand des Arbeitsgegenstandes, den Arm, das Bein und so weiter. Mit der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« (Ernst Bloch), wie wir sie in solchen Zeitungsmeldungen, deren Wahrheitsgehalt nicht zur Debatte steht, vor uns haben, wird die Gegenständlichkeit vormoderner Gesellschaften nicht zum Bestandteil der Moderne (Sonst wäre zum Beispiel ein Faustkeil ein Objekt der Moderne), aber es ist schon eine Frage, inwieweit die Moderne als Spannungszustand gedacht werden muß, als Spannung zunehmender Distanzen zwischen verschiedenen Entwicklungszuständen. Für solches globale Denken hat der Club of Rome den Begriff der »Weltproblematik« geprägt. Die Weltproblematik der Moderne zeigt sich auch im Verhältnis zur Natur. Auf der einen Seite nimmt die Anzahl der künstlich erzeugten Typen von Gegenständlichkeit ständig zu, auf der anderen nimmt die Artenvielfalt in der Natur ständig ab. Für das Verschwinden oder Dezimieren von Arten ist nicht nur das umweltbelastende und ressourcenverbrauchende Herstellen von Waren verantwortlich, sondern auch der gezielte Eingriff in die Natur. Die konzentrierte Züchtung von weniger Kulturpflanzen baut Artenvielfalt ab, die aber Bedingung für die Reproduktionsfähigkeit der Arten überhaupt und damit für menschliches Leben ist.

Im Rahmen dieser Problemlage wird die Gegenständlichkeit der Moderne selbst zu Problem. Sie ist heute nur unter einem Gesichtspunkt sinnvoll zu reflektieren: unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Lebensgrundlagen in Gestalt von Arbeit und in Gestalt der Natur.

Die Reduzierung dieser natürlichen und gesellschaftlichen Grundlagen erzeugt nicht nur Elend und Krankheit, sondern sie schafft auch das heutige Nomadentum, die Landflucht, die Stadtflucht, die Wirtschaftsflucht und mit diesen Fluchtbewegungen die zerstörerischen Ballungen von Siedlungsräumen, denen Entvölkerung und Verfall ganzer Regionen gegenüberstehen.

1. Gegenständlichkeit

Der Gegenstand, der Thema dieses Textes ist, existiert als Raum im Raum und erzeugt ein menschliches Verhalten zu ihm, das gegenständliche Verhalten.

Das Gemeinsame der Gegenstände dieses Typs ist ihre Stofflichkeit: sie erscheint gestaltlos (in Substraten, Materialien und Stoffen) und gestalthaft (in Gebilden praktischer und technischer Art).


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