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Design. Begriff und Berufsbild

 

Friedrich Tomberg

Die Moderne zeitlich

 

Eine moderne Idee und also eine falsche Idee, pflegte Nietzsche zu sagen. Vor Augen hatte er vor allem den Fortschrittsglauben, der Ende des 19.Jahrhunderts allgemein verbreitet war. Mit ihm hat die Postmoderne - und nicht nur sie - heutzutage gründlich aufgeräumt.


Das Äußerste, was sich über einen doch stattgehabten Fortschritt sagen läßt, scheint dahin zu gehen, daß mit Marktwirtschaft und Demokratie das Optimum an Lebensform für die Menschen erreicht sei, zur Zeit noch allein in den westlichen bzw. in westlich orientierten Ländern, aber mit der Aussicht, daß sich die westliche Zivilisation binnen kurzem schon über den ganzen Erdball verbreitet haben wird. Dann wäre ein Endstadium erreicht, über das hinaus keine wesentliche Änderung mehr denkbar wäre. So daß von da an jedenfalls keine Geschichte und also auch kein wesentlicher Fortschritt mehr möglich sein könnte.


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Ob die postmoderne Idee vom Ende der Geschichte nun wahr oder falsch ist, jedenfalls ist sie weniger originell, als sie scheint.

Es gab dies alles schon einmal oder sogar öfter. Seinerzeit glaubten die alten Griechen, mit der Polis die einzig dem Menschen angemessene Gesellschafts- und Staatsform gefunden zu haben. Zwar ließ sich ihre Stadtstaatenwelt dann doch nicht halten; an ihre Stelle trat das Reich der Römer. Mit diesem aber verbreitete sich erst recht jene Kultur, die in der griechischen Polis angelegt gewesen war. Die ganze damals von den Europäern als maßgeblich angesehene Welt stand im Zeichen des Hellenismus - und ein Darüber hinaus schien nicht denkbar.


Und doch kam alles anders. Fast von einem Tag auf den anderen verschwand das machtvoll expandierte Römische Weltreich und mit ihm die hellenistische Kultur. Es entstanden ganz andere Welten, darunter das christliche Abendland, das von den Späteren als Mittelalter bezeichnet wurde. Wiederum dachten die Menschen, die in der okzidentalen Welt die öffentliche Meinung bildeten, mit Christentum und Feudalismus sei nun endlich die Lebensform gefunden, die bis zum jüngsten Tage auf Erden bleiben werde. Und wiederum kam es ganz anders. Aus dem Feudalsystem arbeitete sich das Bürgertum hervor und führte herbei, was die Historiker die Neuzeit nannten. Diese dauert bis heute an. Und nun also ist die durch sie herbeigeführte europäische oder westliche Kultur es, die über die Welt sich verbreitet, und zwar diesmal nicht nur über einen dafür geltenden Erdteil, sondern wirklich über die ganze Erde.


Stehen wir also jetzt endlich doch am Ende der Geschichte? Oder wird wieder der Regelfall eintreten, den wir aus der europäischen Vergangenheit kennen: daß nämlich die alte Welt gerade im Zuge ihrer Vollendung verschwindet und plötzlich eine ganz neue Welt ihre Nachfolge angetreten haben wird? Wie sollte sie aber wesentlich anders aussehen können als unsere Welt der Wissenschaft und Technik?! Europa ist nun einmal die Wiege der modernen Zivilisation, die danach in US-Amerika ihren Gipfel erreicht hat. Der Euroamerikanismus ist der Erdbevölkerung zum Schicksal geworden, bzw. wird es werden. Und wenn es dabei nicht bleiben sollte, so kann man sich schwer vorstellen, wie es einmal anders kommen könnte.


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