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form+zweck 6

Design. Begriff und Berufsbild


 

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Was eigentlich ist das: Gestaltung/Design? Beides ist nicht deckungsgleich, und in dieser Differenz liegt die Frage.

Die Zeit, zu der der Begriff »Design« im Deutschen an die Stelle der alten Wortspiele von Gestaltung, Kunst und Form trat, markiert die Einsicht in die fortlaufende Verohnmächtigung der Disziplin. Verohnmächtigung durch eben jenen Zusammenhang, ohne den gar nichts lief: die profitable Industrie. Gestaltung, Form, Kunst - so allgemein die Begriffe auch erscheinen - sie assoziieren Handgreifliches. Darum ging es. Was störte, mußte weg. An die Stelle handwerklicher Kompetenz trat der »Industrie-Designer«. Seither wird nach dessen Selbstverständnis gesucht: Mal euphorisch in Form von Grabenkriegen: Funktionalismus vs. Warenästhetik, mal hellsichtig: »Nicht an die Götter, an das Chaos sollt Ihr glauben«, bis hin zur Meisterempfehlung für Studenten, an der Aufhebung ihres ja noch gar nicht ausgeübten Berufes zu arbeiten. An die Stelle des Selbstverständnisses trat der Selbstverlust. Doch war es nicht die monströs werdende Schere zwischen Einflußanspruch und Wirkungsmöglichkeit, es bedurfte der Enttäuschung vom digitalen Fortschritt, der Entzauberung von CAD und CIM, um zu merken: hier bricht etwas um. Was Paranoia schien, erweist sich als Mutation.
»Freuet euch, ihr Patienten - Der Arzt ist euch ins Bett gelegt.«
Die Frage, wo das hinführt, ist offen. Daß die Diskussion um Struktur und Funktion von Design vom Selbstzweifel betäubt ist, muß nicht in Anästhesie enden.
Wir möchten form+zweck zur Diskussion über ein heutiges Verstehen von Design/Gestaltung öffnen. Damit das Ganze einen Beginn hat, legen wir drei - uns wichtig erscheinende Prozesse - zu Grunde: Gui Bonsiepe schreibt über die Digitalisierung der Arbeitswerkzeuge des Designers, am Institut of Technologie in Illinois werden Studien erarbeitet, deren Dimension außerhalb der ästhetischer Kompetenz liegt, und in einem Gespräch mit Hans G Helms versuchen wir deutlich zu machen, daß ästhetische Teilarbeit weniger denn je eine eigne Autonomie und Souveränität für sich hat, sondern daß die Abhängigkeiten, in denen sie steckt, komplexer und hintergründiger geworden sind. Diese drei Fronten deuten Ursachen für die Funktionskrise von Gestaltung an, über Gestaltungsnöte und Orientierungen ist damit noch nichts gesagt. Auch nicht darüber, ob das Designer-Sein ausfasert, sich zum Bauchredner in wirtschaftlichen, markttechnischen, ökologischen, politischen oder moralischen Diskursen qualifiziert, oder um Eingrenzung und strenge Fassung seines Eigensinns bemüht sein sollte. Wir erhoffen uns Zuschriften, Standpunkte, Polemiken zum Thema, weil »...ganz hinten im Hirn, da dads hoit doch noch a bissal rumorn«.