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form+zweck 6

Design. Begriff und Berufsbild

 

 

Klaus Körner

Politische Kleinschriften

 

F. Die Goldenen Jahre der Adenauer-Zeit 1953-1958

1. Das Thema Marktwirtschaft oder Planwirtschaft hatte die politische Diskussion seit 1948 bestimmt. Aber es gibt nur wenige Broschüren hierzu. Für die Marktwirtschaft warben die ersten sichtbaren Denkmäler des Wiederaufbaus - Banken-, Versicherungs- und Kinopaläste. Die erste professionelle PR-Kampagne war die Anzeigenkampagne des von der Industrie finanzierten Vereins »Die Waage«. In großformatigen Anzeigen wurde für die Fortsetzung der Erhardschen sozialen Marktwirtschaft nach den Bundestagswahlen 1953 geworben. Die SPD attackierte anfangs den »Katastrophenkurs« Erhardts, so mit der Broschüre ihres Wirtschaftsexperten »Nölting kontra Erhardt«. Im Zeichen des Koreabooms wandte sie sich dann 1951 der Außenpolitik zu.

2. Das zweite große innenpolitische Thema der fünfziger Jahre war der Streit über die Wiederbewaffnung und/oder Wiedervereinigung. Anfangs konnte die Bundesregierung nur indirekt für die Wiederbewaffnung werben, weil die Entmilitarisierungsvorschriften der Besatzungsmächte noch galten. Wichtigstes Medium für neue Streitkräfte waren Soldatentreffen, bei denen Politiker der Regierungsparteien auftraten. Über die Rehabilitierung der alten Wehrmacht wurde für die neue geworben. Unterstützt wurde diese Kampagne durch kommerzielle kriegsverherrlichende Romanhefte vom Typ »Der Landser«, die über die Berliner Grenzkioske auch in die DDR verbreitet wurden. Für die DDR war das »literarische Aufrüstung«. Erst nach der Unterzeichnung der Westverträge im Mai 1952 setzte eine größere Regierungswerbung mit Broschüren, Artikeln und Vorträgen ein. Das Bundeskanzleramt gründete mit der Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise eine Agentur für den Wehrbeitrag. Der Vorsitzende veröffentlichte 1957 ein hervorragendes Buch über die Wehrkampagne. Der Graphiker Heinz Schwabe, der 1945 den Umschlag für Plieviers antimilitaristischen Roman »Stalingrad« gestaltet hatte, zeichnete 1953 eine Plakatserie, auf der ein Rotarmist mit Trommel-MP vor der Kulisse des Kölner Doms zu sehen ist. Darüber die Suggestivfrage »Er ist bewaffnet, wollt Ihr ihn haben?«

Das Hauptargument gegen die Wiederbewaffnung lautete, sie werde die Wiedervereinigung unmöglich machen. Die Kritiker der Wiederaufrüstungspolitik waren aber ohne feste Organisation und ohne große Publikationsmöglichkeiten. Die Zahl der Broschüren gegen die Aufrüstung ist daher gering - ausgenommen die KPD und die DDR. Von dort kamen unentwegt Schriften, die gegen die Remilitarisierung gerichtet waren. Die SPD zeigte eher ein Janusgesicht, so ein Broschürentitel, in dieser Frage. Man wollte nicht mit den Kommunisten und unter allen Umständen dagegen sein, aber auch nicht leichtfertig mögliche Wiedervereinigungschancen verspielen. 1956 setzte dann die Verteidigungswerbung der Bundesregierung mit Plakaten und Broschüren ein. Der Etat betrug 7,8 Mio. Mark. Es war die größte Werbekampagne der fünfziger Jahre. Umgekehrt richtete sich die Agitation der DDR über den Rundfunk und mit Broschüren vor allem gegen die Bundeswehr.

3. Wahlkampfzeiten sind stets Hochzeiten für politische Broschüren. Schon Monate vor der Wahlkampfzeit im Sommer 1953 organisierte das Bundespresseamt einen Werbefeldzug für die Politik des Bundeskanzlers. Die große Neuerung in der politischen Werbung war die Ausrichtung des Wahlkampfes auf die Person des Bundeskanzlers. Die Broschürenwerbung zeigte nicht nur die Politik des Bundeskanzlers, sondern auch die Persönlichkeit in strahlendem Licht. Neben dem Staatsmann Adenauer wurde der Familienvater und Rosenzüchter gezeigt. Nach dem Vorbild des Eisenhower-Wahlkampfes von 1953 in den USA klebte die CDU Plakate mit dem Text: Deutschland wählt Adenauer.

Der Wahlkampf 1957 wurde noch professioneller geführt. Die CDU stellte diesmal auf das Sicherheitsdenken der Wähler ab. Ein nach einem Foto gezeichnetes Adenauer-Portrait zeigte einen erblondeten blauäugigen Kanzler mit der Parole: »Keine Experimente! Konrad Adenauer CDU«. Konrad Adenauer sei das Programm der CDU, so versicherte deren Wahlkampfleiter. Die SPD verlor auch diese Wahlen.

Etwa seit 1957 herrschte auch in der Bundesrepublik die in den USA gewonnene Überzeugung, daß es prinzipiell keinen Unterschied zwischen der Markenartikelwerbung und der Politikwerbung gäbe. Seither orientierte sich die Kleinschriftenwerbung mehr an der Graphik der Gebrauchsdrucksachen, die durch kurzfristige Modeströmungen gekennzeichnet war und heute etwas komisch anmutet.


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