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Design. Begriff und Berufsbild

 

 

Hans G Helms

Schöner unsere Städte und Gemeinden?

 

form+zweck

Mit der »Stadt als Gabentisch« liegt das dritte - mir bekannte - größere Buch, das Du zum Thema Stadtentwicklung/Stadtplanung herausgegeben hast, auf dem Tisch. Alle drei Bücher sind dominiert von Analysen und Beschreibungen von Verlusten an städtischem Leben, an Kommunikation und Souveränität im urbanen Raum, gibt es Szenarien von Zukunft, dann sind die Prognosen eher düster. Liegt darin eine objektive Tendenz des Niedergangs städtischen Lebens, das Problem, daß sich urbane Entwicklungen der Plan- und Gestaltbarkeit entziehen?


Helms

Zunächst muß man, glaube ich, unterscheiden zwischen den großen gesellschaftlichen Gruppen: der zwar winzig kleinen, aber natürlich in Zahlen doch sehr großen Gruppe derjenigen, die in unserer sogenannten Zwei-Drittel-Gesellschaft das obere Drittel ausmachen und die von der modernen, also computergesteuerten Stadt durchaus profitieren, und auf der anderen Seite denjenigen, den zwei Dritteln, die auf eine sehr intrikate, aber oft gar nicht so direkt spürbare Weise ausgebeutet werden zugunsten des ersten Drittels. Im Weltmaßstab ist es das eine Zwölftel in den Industrieländern, das die übrigen elf Zwölftel ausbeutet. Wenn man sich Städte ansieht, in den USA oder in Kanada, sieht man das ganz deutlich. Die Bezirke, in denen die Reichen, die Wohlhabenden oder die sogenannten yuppies leben, also diejenigen, die von dieser Art fortgeschrittenem Kapitalismus besonders profitieren, funktionieren relativ ordentlich, obwohl die Grundsubstanz der Städte generell immer mehr verfällt. Sie leiden zwar auch ein wenig, aber sie können das, worunter sie durch den Verfall leiden, aus ökonomischen Mitteln kompensieren. Wenn also in New York das Wasser knapp wird, weil die morschen Leitungen von den Reservoires in die Stadt 70% des transportierten Wassers unterwegs verlieren, dann können wohlhabende Leute natürlich kanisterweise Quellwasser kaufen und sich damit die Zähne putzen und rasieren und ich weiß nicht, was sonst noch, lauter Dinge, die sich ein Mensch in Harlem nicht leisten kann. Wenn dort das Wasser knapp wird, ist es einfach knapp. Und so ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Infrastrukturelementen: Wenn man einen Chauffeur hat, kann man in New York auch mit dem Auto rumfahren, denn wenn kein Parkplatz da ist, parkt der Chauffeur in der zweiten Reihe, und wenn ein Bulle kommt und ihn verscheucht, fährt er einmal um den Block. Wenn ein normaler Mensch an den gleichen Ort will, dann muß er mit der U-Bahn fahren oder mit dem Bus. Erstens dauert das viel länger, und außerdem ist es unheimlich unbequem; die Busse brechen in Amerika oft zusammen. Die U-Bahnen sind inzwischen wieder ein bißchen besser in Schuß, weil sehr viel Geld darein investiert worden ist, aber im Grunde lassen all diese Infrastrukturelemente an Qualität nach. Die U-Bahnen sind in der Ära Koch, des Oberbürgermeisters Edward Koch, mit sehr viel geliehenem Geld wieder in Schuß gebracht worden, jedenfalls soweit sie in den für die Oberschicht relevanten Vierteln zirkulieren. Weiter draußen ist es eine Katastrophe, zumal dort die U-Bahn selten als U-Bahn gebaut worden ist. Man hat dort die alten elevateds, die Hochbahnen, auf ihren merkwürdig skurrilen Gerüsten stehen lassen, und so wie sie nach achtzig Jahren aussehen, so funktionieren sie auch.

In Europa ist das Problem vielleicht etwas gemildert, weil die Staatsmacht und das Kapital meistens sehr viel inniger zusammenarbeiten, auf eine Weise, die irgendwie ganz demokratisch aussieht. In Paris zum Beispiel ist unheimlich viel Geld investiert worden zum Wohle der französischen Hochfinanz und der großen Konzerne. Da sich diese Konzerne partiell im Besitz des Staates befinden, hat es den Anschein, als hätte der Staat etwas für die Allgemeinheit getan und nicht für irgendwelche Großbanken, Regierungskonzerne oder Industrieunternehmen. Die Folge ist: ein unmäßig großer Anteil aller überhaupt verfügbaren Gelder ist nach Paris geflossen und ein wesentlich kleinerer, oft nicht zureichender Teil in die großen Städte der Provinz und ganz ganz wenig in die kleineren Orte und ins Land. Weil Frankreich ein zentralistischer Staat ist, bekommt die Zentrale übermäßig viel, die Provinz übermäßig wenig. In Deutschland mit seinem föderalen System ist es wieder anders: Hier werden die Regionen begünstigt, in denen das Finanzkapital seine Bastionen hat. Man sieht das am deutlichsten dort, wo der Staat direkt investiert, beispielsweise in S-Bahnen wie in Hamburg, Großraum Frankfurt und München. Die sind exklusiv ausgebaut worden, nicht ganz so exquisit im Ruhrgebiet: Da sitzen auch große Konzerne, mit Düsseldorf als Zentrum, aber mit einem geringeren Machtpotential als etwa in Frankfurt. Alles übrige ist unter »Ferner liefen« zu verbuchen, da reichen die Investitionen nicht hin.


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