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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

Knut Hickethier

Akustische Stadtlandschaft. Radioprogramme in der Stadt

 

Unsichtbar zwischen den Hochhaustürmen und Kaufhauszentren, den Straßen und Quartieren, Trabantenvierteln und Stadtrandsiedlungen existiert eine akustische Architektur, die sich aus den vielen Stationen zusammensetzt, die auf der Frequenzskala im UKW-Band senden. Zwischen den gebauten Räumen gibt es andere, schwingend akustische, zu hörende und gehörte, die sich aufbauen, die sich in den Programmen, in Tönen realisieren, die sich auflösen, wenn es in den Programmen still wird.

Das Radio verbindet uns mit anderen Lebensräumen, erzählt von ihnen musikalisch, durch Worte oder durch audiophon hergestellte Hörinszenierungen. Quer durch die gebauten Volumen des Stadtkörpers existiert so eine flüchtige audiophone Struktur, die vorhanden ist, sich aber erst mit Willen der Hörer auch akustisch realisiert, die sich gegenüber der gemauerten Stadt flüssig, dynamisch hält und damit auch die Stadtarchitektur immer wieder transzendiert. Durch die Programmstrukturen bilden sich in den Radiowelten der Programme wiederfindbare, wiedererkennbare audiophone Räume, mit in der Zeit vertikal und horizontal gegliederten Gebäudeteilen, mit Richtungsangaben, Wegweisern, Informationsdepots, die unterschiedliche Orientierungen versprechen. Das Radio bietet eine eigene Orientierungsstruktur quer zur Stadt an, mit Fenstern in andere Welten, in andere Kulturräume, mit Funktionen nach Innen. Es ist Beschleunigungs- und Verlangsamungsinstrument im städtischen Leben, bietet Stoff für mediale Teilhabe, Zerstreuung und für Reflexion und Besinnung.

Das Radio bildet mit seinen Programmen »Oberflächen«, setzt diese aus »Formaten« zusammen, hat ein »Design«. Die Sprache der Programmplaner ist verräterisch: Das Radio-»Design« ist heute längst nicht mehr das Design der Rundfunkgeräte. Diese haben sich längst zu schwarzen Techno-Anlagen vereinheitlicht. Radio-Design ist heute das Design der Programme, der »Radiosoftware«, mit ihren Senderkennungen, Musikformaten, ihren Fließstrukturen und schmaler werdenden Kulturinseln.


87,9: AFN (American Forces Network; 88,8: SFB 1 (»88,8«); 89,6: RIAS; 90,5: »Radio Energy«; 90,2: BBC; 91,4: »Berliner Rundfunk«; 92,4: SFB 2; 93,1: ORB 1 (»Antenne Brandenburg«); 93,6: »FFB«; 94,3: »R.S.2«; 95,8: ORB 2 (»Radio Brandenburg«); 96,3: SFB 3; 97,65: »DS-Kultur«; 98,2: »Rock-Radio B« (früher SFB 4: »R 4 U«); 98,8: BFBS; 99,7: ORB 1 (»Antenne Brandenburg«); 100,1: Info Radio 101; 100,6: »Hundert,6«; 104,6: RTL Radio Berlin;

 

Horizontale und vertikale Strukturen

Historisch lassen sich verschiedene Stufen der akustischen Raumstrukturierung durch Radioprogramme unterscheiden. Nach den weitreichenden grenzüberschreitenden Programmen auf Mittel- und Langwelle der ersten Jahrzehnte hat die Erschließung des UKW-Bereichs und die Wellenneuverteilung der Nachkriegszeit (Kopenhagen 1948) in Deutschland für einen raschen Aufbau der UKW-Netze gesorgt. Denn die deutschen Sender hatten als Verlierer des Krieges nur ungünstige und zu wenige Mittelwellen erhalten. Der UKW-Ausbau wurde zum Fundament des neuen Rundfunks.


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