s_fz7_8.jpg

 

form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

Cornelia Seidler

Die Modernisierung des Aschenputtel

 

Märchen, so scheint es, existieren außerhalb von Zeit und Raum. Sie erzählen Geschichten, die irgendwann, irgendwo einmal geschehen sind. Durch Erzählung weitergetragen, konnte oder mußte sich jeder selbst ein Bild von den Figuren und Landschaften, den ärmlichen Häuschen oder den reichen Palästen machen.

Anfang des 19. Jahrhunderts fangen in Deutschland die Gebrüder Grimm an, Märchen zu sammeln und aufzuzeichnen. Wilhelm Grimm greift - noch behutsam - in die Texte ein, manche Passagen will er doch nicht so gedruckt sehen wie sie erzählt werden, andere Märchen werden wegen zu befürchtender Proteste der Eltern nicht in die Sammlung aufgenommen. Das verlegerische Interesse verlangt sehr bald, die gesammelten Märchen zu illustrieren. In den frühen Ausgaben sind meist nur zwei oder drei Illustrationen zu finden, die Kupferstiche waren zu kostspielig. Mit der Einführung der Lithographie werden auch die Illustrationen reicher, bis hin zur Umkehrung von Text und Bild - die aufs bloße Gerüst eingekürzten Märchen werden geradezu überwuchert von aufwendigen farbigen Illustrationen.

Doch zunächst wird die grafische Darstellung genauso ernst betrieben wie die Sammlung durch die Brüder Grimm. Was zur Zeit der Märchenerzählerinnen allein in der Vorstellungswelt zu sehen war, wird durch die Illustrationen zur sichtbaren Person und zum gestalteten Ort. Cornelia Seidler zeigt anhand der Illustrationen des Aschenputtel im 19. Jahrhundert wie sich die einst anonyme Märchenfigur im Laufe des Jahrhunderts wandelt, geprägt durch das Frauenbild dieser Zeit.

 

Aschenbrödel

Illustration von Ludwig Emil Grimm, 1825 Dargestellt wird der Innenraum einer Küche. Dem Betrachter wird ein gewisser Anlauf im Vordergrund gelassen: Bodenfliesen (teils beschädigt), Schüssel, Besen, Ofenloch mit Katze, mehrere Tauben, Feuerholz. Im Mittelgrund sitzt eine junge Frau auf einer Herdstelle. Das Mädchen sitzt mit halbgeschlossenen Augen, die Arme im Schoß, die auffallend kleinen Füße auf dem Feuerholz abgestützt, in Ruhe und sehr entspannt. Der Kopf ist leicht zur Seite geneigt, so, als lausche sie auf etwas. Das Haar ist gescheitelt, streng nach hinten gekämmt und endet in einem tiefen Knoten. Sie hat ihren weiten Rock in den Schoß gerafft und schaut den Tauben zu, die vor ihr auf dem Rand der Schüssel sitzen.

Das Mädchen trägt keinerlei Schmuck. Das einfache Kleid hat als einzige Borte eine kleine Verzierung um den Halsausschnitt. Es ist leicht dekolletiert, der Brustkorb wird eng eingeschnürt, der weite Rock fällt lang bis auf den Boden und hat vorn eine fast ebenso lange Schürze. Die tief angesetzten Ärmel werden nur am Ellenbogen weit und umschließen Schulter und Handgelenk eng. An der Schulter ist der Ärmel mit drei kleinen Biesen abgesetzt, die gemeinsam mit der Borte des Halsausschnittes das Dekolleté optisch verbreitern und das Gesicht betonen. Sie wird geradezu eingerahmt von Besen, Herd, Töpfen, Ausguß, Tauben, Katze usw. Es ist ihr Reich, sie ist Mittelpunkt und Beherrscherin aller Dinge zugleich. Dennoch scheinen die Tauben irgendwie gar nichts mit ihr zu tun zu haben. Wie zufällig kommen sie zum Fenster herein, wie ganz normale Tauben eben, nicht wie »richtige« Märchentauben.


... lesen Sie weiter in form+zweck 7+8: Mitgedacht - Dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität ...