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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

Wolfgang Zacharias

Die Stadt als gelebter Raum. Urbane Erfahrungsumwelten und Kindheit

 

Vielfach ist die Unwirtlichkeit der Städte beschrieben worden. Die Städte machen krank - psychisch, somatisch und sozial. Doch in der Wiederholung dieser kritischen Analyse werden produktive Aspekte von Urbanität oft übersehen. Dem setzt der Kultur- und Spielpädagoge Wolfgang Zacharias seine Idee einer erneuerten Stadt entgegen. Er entwickelt aus einer über zwanzigjährigen Erfahrung mit pädagogischen Aktionen in München die Perspektive einer urbanen Umwelt als offenem »Spielraum für Spielräume«. Wie realistisch oder wie utopisch diese Vorstellungen einer »Stadtanimation« sind, werden die Entwicklungen in Leipzig, Dresden oder Berlin zeigen müssen, ob die Stadtgestaltung den Kindern - und nicht nur ihnen - neue Erfahrungsräume eröffnet.

 

Die positive Perspektive: Urbane Umwelt als Lernraum

Nun besinnt man sich doch wieder ernsthaft auf die Qualitäten des städtischen Lebens sowohl im historischen Rekurs wie in perspektivischen Entwürfen. »Mitten in der industriellen und ökologischen Krise werden die großstädtischen Räume wiederentdeckt als ein Terrain, auf dem sich die Wünsche nach einem anderen sinnvolleren Leben wider Erwarten formulieren lassen. Die größeren Städte, vor nicht allzulanger Zeit Inbegriff eines zerstörten, überkomplexen Lebens, werden zu einer Projektionsfläche, auf die sich höchst unterschiedliche Phantasien richten: für die einen bedeutet der städtische Raum die Möglichkeit, sich in kleinen, stadtteilbezogenen Milieus gegenseitig zu stabilisieren, für die anderen wird die Stadt zu einer Metapher, die die Vielfalt von kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten umgreift.«

Die entscheidende Qualität des Urbanen: Die Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen, die Ausbildung und Überlagerung der Differenzen und das dadurch entstandene und sich erweiternde Repertoire und Muster von Vielfalt der Lebensformen - in der Summe eben multikulturelle Komplexität. Das zeichnete schon immer die »Stadt« als »civitas« aus - die Differenz als positives Merkmal auch des sozialen und kulturellen Zusammenlebens als urbaner Reichtum an Lebensqualität. So entsteht raum-zeitlich eine unverwechselbare besondere Einheit: Diese oder jene Stadt mit einer speziellen und bedeutungsvollen Topographie, mit zeitlichen Rhythmen - ganz unterschiedlich nach Bedürfnissen, Interessen und Vermögen (im Doppelsinn des Wortes) zu gebrauchen: Als »gelebter Raum« besonderer Qualität, mit hohem, weil variantenreichem Angebots- und Anspruchsniveau. Das ist das historische - und das zukünftige Ideal. Dies ist auch eine besondere ästhetische, eine Formqualität. »Was not täte: Eine Ästhetik nach dem Muster der Kartographie«, auch als pädagogisch-didaktische Kategorie der Stadtgestaltung, des ermöglichten Gebrauchs urbaner Räume: »Eben dies soll eine Kartographie der Wahrnehmung und der Erkenntnis im engeren Rahmen des täglichen Lebens, in der physischen Präsenz der Stadt leisten: Sie soll dem Subjekt eine situationsgerechte Repräsentation dieser endlosen und eigentlich nicht repräsentierbaren Totalität ermöglichen, die die Stadtstruktur als Ganzes ausmacht.«


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