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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

Friedrich Kittler

Die Zukunft auf Siliziumbasis

 

The physical world is subtle and has many dimensions to play with. It is unsettling to remember that we are P time bounded symbol beings, dwarfed by the effective computing recources in a thimbleful of water.

Brosl Hasslacher


Der Bedarf an Propheten, wenn ich den Vortragseinladungen in meinem Briefkasten glauben darf, wächst unaufhaltsam. Offenbar werden die Bücher, die unsereins über Medientechnologien der letzten hundert Jahre vorgelegt hat, nurmehr durchblättert, um die Medientechnologien der nächsten hundert Jahre zu extrapolieren. Solchen Wünschen bleibt jedoch der achtundneunzigjährige Satz Mallarmés entgegenzuhalten, daß kein Würfelwurf - also auch kein Vortrag aus Wörtern oder ASCII-Zeichen - den Zufall jemals abschaffen wird.

Über die Zukunft im allgemeinen und die der Architektur im besonderen zu reden, steht mir als Medienwissenschaftler folglich nicht zu. Ohne empirische Datenbasis, wie sie den Hochrechnungen und Zukunftsprognosen etwa der Industrie zugrundeliegt, kann die Medientheorie nur ein paar einfache Fragen stellen. Was mich beschäftigt, ist zunächst das Problem, was aus dem Begriff Zukunft unter hochtechnischen Bedingungen geworden ist, und anschließend die Frage, welche Architekturen diese Zukunft auf Siliziumbasis erfordert.

Zukunft im untechnischen, im alteuropäischen Wortverstand stammt, soweit ich sehe, aus jener seltsam reflexiven Sprache, die Grammatiker seit den Griechen über Sprachen geführt haben. Noch im Althochdeutschen, also einer Sprache fast ohne Grammatiker, hieß Zukunft schlicht und einfach Ankunft irgendwo an einer Raumstelle. Das lateinische Wort Futurum dagegen, dem die deutsche Zukunft im zeitlichen Wortsinn als Lehnübersetzung entstammt, geht auf eine der ehrwürdigsten Wurzeln zurück, die das Indoeuropäische seinen Sprechern und zumal seinen Philosophen beschert hat. Die Wurzel *bhu , die auch in Wörtern wie bin und bauen am Werk ist, also nach Heidegger von der Zugehörigkeit zwischen Sein und Architektur zeugt, bezeichnete das Werden, Wachsen oder Entstehen. Zukunft im Wortsinn war demnach ein Raum externer Entwicklungen, jedem Eingriff der Menschen oder ihrer Werkzeuge entrückt. Selbst die großen mathematischen Gebäude seit Ägyptern und Babyloniern konnten ja nur voraussagen, was mit Regelmäßigkeit oder Periodizität schon in einer Vergangenheit immer wiedergekehrt war: Jährliche Überschwemmungen des Nils, Finsternisse der Sonne oder des Mondes. Was dagegen als Zufall über die Leute einbrach, vom Wetter bis zum Todesaugenblick, entging jeder Vorhersage, die nicht selber hinterrücks einem Zufall verdankt war. Anders gesagt: den Zufall unter alltagssprachlichen Bedingungen prozedierten nur Orakel.

Orakel als heilige Stätten der Zukunftsenthüllung nutzten - wie in Dodona - das Rauschen von Eichenwäldern oder - wie in Delphi - den Rausch von Lorbeerblättern aus, um aus ihren eigenen Rauschquellen auf die unvorhersehbare Rauschquelle namens Zukunft hochzurechnen. »All diese Sibyllen«, hieß es schon in einer antiken Kritik des Orakelwesens, »haben grundlose Namen und Wörter von allerhand Ereignissen und Zufällen gleichsam in das unermeßliche Meer der Zeit auf[s] Geratewohl hingeworfen.« Orakel unter alteuropäischen Bedingungen, das heißt unter der Herrschaft einer Alltagssprache, wären also, streng nach Epikur oder Mallarmé, nur der absurde Versuch gewesen, den Zufall namens Zukunft durch den Zufall namens Sprache zu bändigen.

Aber auch die gegenteilige Annahme antiker Stoiker, daß nämlich die Götter selbst als Herren der Orakel die von ihnen bestimmte Zukunft sehr wohl müßten vorhersagen können, mündete in einer Aporie. In einer Abhandlung Plutarchs hieß es zwar über Apollon: »Dieser Gott nun ist ein Wahrsager, das Wahrsagen aber die Kunst, das Zukünftige aus dem Gegenwärtigen und Vergangenen vorherzusagen. Denn die Entstehung keiner einzigen Sache ist ohne Ursache, noch die Vorhersehung derselben ohne Grund; sondern weil alles Gegenwärtige mit dem Vergangenen, und das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, in einer vom Anfange bis ans Ende ununterbrochen fortgehenden Folge, verbunden ist und zusammenhängt, so muß derjenige, der die Ursachen der Dinge nach natürlichen Gründen mit einander vereinigen und verbinden kann, auch das Gegenwärtige, Zukünftige und Vergangene wissen, und vorhersagen können.« Aber auch mit dieser schönen Definition einer Ursachenkette war der Kurzschluß zwischen Rauschen und Rauschen beileibe nicht abgestellt. Denn die alten Götter selber fielen mit Blitz, Donner und anderen Wettererscheinungen, deren Vorhersage sie hätten leisten sollen, ja schlicht zusammen.


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