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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, Kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

 

Jörg Petruschat

Editorial

 

Wir geben zu, wir haben uns geirrt. Wir dachten, das Design sei in der Krise. Wir stießen nämlich allenthalben auf Leute, die Probleme hatten mit dem, was man als Designer so täglich muß tun. Heute wissen wir, wir haben uns geirrt. Nicht das Design ist in der Krise, sondern nur ein bestimmter Designbegriff, der unsrige, etwas arrogante, auf Gestaltung zielende zum Beispiel. Vergeblich suchten wir marode und verfallende Designateliers, abgehärmte und verzweifelte Designer, die an ihren Produkten wahn werden. Es war falsch, vom bloßen Unwohlsein einiger auf so etwas wie Renitenz zu schließen. Denn die Übelkeit war nichts weiter als ein Begleitumstand von Schaffenskrisen - man hatte zuviel Unausgereiftes im Bauch. Glücklicherweise haben ältere Herren mit ihrem Richtspruch wieder für Orientierung gesorgt: wenn schon schwanger und übel dran, dann soll auch nicht abgetrieben werden. Es wär' doch schade, sollte auch nur eine Idee eines deutschen Designers in der Latrine landen.

Leider denkt man in unserem Kulturkreis den Begriff der Krise nicht als etwas Positives, sondern negativ. Und damit dieses Negativdenken nicht doch noch zu einem schlechten Gewissen sich auswächst, spricht man darüber. Zum Beispiel über die Umweltkrise. Über die Wirtschaftskrise. Über die Regierungskrise. Und siehe da, alles gibt es noch: die Umwelt, Wirtschaft, und selbst die Regierung ist noch da - alles fast unverändert. Das ist der Worte Macht. Man muß nur häufig genug darüber reden. So bleibt der Kopf frei. Nichts zu denken ist nämlich eine gute Voraussetzung kreativ zu sein.

Nicht trotzig, nicht bissig, nicht moralisch, eher mit jener heiteren Gelassenheit, die einen überkommt, wenn man beim Apfelessen den Wurm schon zerbissen hat, präsentieren wir im Folgenden einige Denkübungen und einige Schauseiten des Gespenstes Design, wie es noch immer umgeht in Europa und anderswo.