s_fz7_8.jpg

 

form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

Jörg Zeidler

Ein einfacher Stuhl

 

Der »einfache Stuhl«, um den es hier geht, zeichnet sich einerseits durch seinen großen Bekanntheitsgrad aus, andererseits ist er auf den ersten Blick so unbeeindruckend, daß er als selbstverständlich hingenommen wird und kaum Beachtung findet. In den fünfziger und sechziger Jahren war er der Stuhl für Einrichtungen wie die Bundespost, die Bundesbahn (die ihn bis 1987 bezog) und die Bundeswehr. In Behörden und Landgasthöfen wird er noch heute verwendet. Trotz dieser weiten Verbreitung findet sich in der Literatur kein Hinweis auf ihn. Es handelt sich bei diesem Stuhl um ein auf die notwendigsten Teile reduziertes, industriell gefertigtes Massenprodukt. In seiner Einfachheit und Zurückhaltung liegt für mich seine Qualität.


Die Konstruktion

Die Grundkonstruktion des Stuhls geht auf die Erfindung der Bugholztechnik durch Michael Thonet zurück. Thonet hatte Mitte des letzten Jahrhunderts begonnen, Bugholzstühle zu produzieren, die eine ausreichende Stabilität boten und dabei einen sehr niedrigen Preis hatten. Außerdem konnten sie demontiert und dadurch platzsparend verschickt werden, was die Transportkosten niedrig hielt. Hinterbeine, Vorderbeine, Sitzzarge und Versteifungsring wurden aus Buchenholz gedrechselt, gedämpft und gebogen. Die Sperrholz-Sitzfläche wurde in die aus einem Stück gefertigte Sitzzarge eingelassen, die Vorderbeine eingezapft, Hinterbeine und Rückenlehne angeschraubt. Dieser Stuhl war einer der billigsten aus dem Thonet-Programm.


Eine »Zwischenstufe« zwischen dem Prinzip des Thonet-Stuhls und dem »einfachen Stuhl« stellen Küchenstühle aus den zwanziger Jahren dar.

Diese Art von Bugholzstühlen produzierten seinerzeit viele Stuhlhersteller. Die Beine waren vierkantig, die Vorderbeine gerade und die Sitzzarge hatte eine angeschlitzte Vorderzarge. Die Versteifung gewährleisteten Vierkantleisten zwischen den Beinen. Gedrechselt wurde an diesen Stühlen nichts mehr.

Die Firma »Bombenstabil« (heute nennt sie sich nach dem Begründer der Firma »Stoelcker«) aus Frankenberg in Hessen entwickelte Mitte der dreißiger Jahre einen Bugholzstuhl, dessen Produktion im Vergleich zu den oben genannten Stühlen wesentlich vereinfacht war. Die Höhe der Sitzzarge wurde bei diesem Stuhl vergrößert, wodurch die Versteifungsleisten nicht mehr zwingend waren. Vorderbeine, Vorderzarge und die gebogene Hinterzarge verleimte man in einem Arbeitsgang mit Hilfe einer neu entwickelten Verbindung. Der Sperrholzsitz mußte bei diesem Stuhl nicht mehr paßgenau gearbeitet werden, sondern wurde mit Überstand auf die Zarge geleimt und anschließend abgefräst. Das gerundete Vorderstück wurde dann erst vorgeleimt und die komplette Einheit verschliffen. Zur Olympiade 1936 kam der Stuhl mit der Bezeichnung »Modell 2200« auf den Markt.


Der Gebrauchsmusterschutz

Die Vorderbeinkonstruktion geht auf ein Gebrauchsmuster aus dem Jahre 1935 zurück, registriert unter der Nummer 1348340 beim Reichspatentamt in Berlin mit der Bezeichnung »Stuhlsitz mit abgerundeter Vorderzarge und eingeschlitztem Vorderfuß«. In der Geschichte des Stuhls spielt dieses Gebrauchsmuster eine zentrale Rolle - die Beschreibung der Eckkonstruktion macht im Grunde den ganzen Stuhl aus. Das Gebrauchsmuster wurde auf den Namen Max Stoelcker, zu der Zeit Leiter des Werkes Frankenberg und Sohn des damaligen Inhabers, eingetragen. Dieser kann als Entwerfer des Stuhls bezeichnet werden. Eine Verbindung Stoelckers zum Deutschen Werkbund oder dem im Dritten Reich eingerichteten Amt »Schönheit der Arbeit« gibt es nicht.


... lesen Sie weiter in form+zweck 7+8: Mitgedacht - Dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität ...