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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

Michèle-Anne Dauppe

Identitätskrise?

 

In dem Maße, in dem die politische Diskussion durch die Frage nach der eigenen Identität, speziell der nationalen Identität, beherrscht wird, gewinnt die Kultur bei der Bestimmung und Wahrung von »Andersartigkeit« an Bedeutung. Je mehr das vereinigte Europa an Gestalt gewinnt, sind Gestalter, oft unabhängig von ihrem Willen, hineingezogen in eine hochpolitische Debatte, in der es darum geht, über die konkrete Arbeit und das Anliegen der Gestaltung hinaus, eigene Positionen zu Fragen der Identität und der Nationalität zu artikulieren.

Im Dezember 1992 wurden sieben europäische Gestalter zu einer Konferenz nach London eingeladen, um die Probleme anzusprechen, die sich aus ihrer nationalen Identität im Bereich des Grafikdesigns ergeben. Die Vortragenden waren Pierre Bernard, Karen Blincoe, Gert Dumbar, Giovanni Lussu, Enric Satué, Erik Spiekermann und Wolfgang Weingart. Ihre Aufgabe bestand darin, die gegenwärtigen Vorgehensweisen im Grafikdesign und den historischen Rahmen, der diese Vorgehensweise in den jeweiligen Ländern bestimmt, zu diskutieren. Die Eingeladenen repräsentierten die Länder Frankreich, Dänemark, Holland, Spanien, Deutschland sowie die Schweiz. Großbritannien war nicht vertreten, da die Konferenz dazu dienen sollte, das britische Publikum über Gestaltungsprobleme auf dem Kontinent aufzuklären. Einer der Gründe für diesen »Aufklärungs«-Bedarf der Zuhörer ist das bloß partielle und höchst selektive Wissen über Gestaltung in Europa. Das hat historische Gründe. Wenn es um die Geschichte der Gestaltung im zwanzigsten Jahrhundert ging, stand immer die Moderne im Vordergrund. So können wir zwar die Geschichte der deutschen, schweizerischen und holländischen Gestaltung klar nachvollziehen, die der französischen, italienischen, dänischen, spanischen und auch der britischen dagegen weit weniger. Des weiteren ist dieses Wissen über die Moderne Ergebnis eines selektiven Blicks auf die Geschichte, der sich dadurch begründet, daß er die »Prominenten« (darunter selten Frauen) auflistet.

Die Konferenz hat auf die Lücken sowohl in unserem Geschichtsverständnis, als auch im Bewußtsein von dem, was heute passiert, aufmerksam gemacht. Die Redner gaben anhand einer Flut von Dias einen Überblick über die gegenwärtigen Tendenzen in den einzelnen europäischen Ländern, Tendenzen, die durch die je national spezifischen Konventionen, die sie aufgegriffen haben, mittlerweile durchaus als »holländisch« oder »französisch« oder »schweizerisch« erkennbar sind. Spiekermann aus Deutschland bemerkte: »Wir sind ein serifenloses Land«. »Freude an der Farbe ist Kennzeichen dänischer Gestaltung«, so Blincoe aus Dänemark. Trotz aller in der Vergangenheit erhobenen Ansprüche auf Internationalität erscheint europäische Gestaltung immer noch in einer jeweils nationalen Spezifik: eine andere Geschichte - eine andere Praxis. So einleuchtend dies erscheinen mag; es zeigte sich doch auch, daß bestimmte Eigenheiten innerhalb europäischer Gestaltung nicht so ohne weiteres sauber gegeneinander abgegrenzt werden können. Zunächst zeigt schon die europäische Geschichte, daß die landläufigen Vorstellungen von nationaler Identität unzureichend sind: die vielfältigen Umschichtungen bei der Herausbildung nationaler Territorien, regionale Bindungen sowie eine entwickelte soziale Mobilität sind nur einige Faktoren, die in dieser Frage Verwirrung stiften. So erinnert Satué bei der Bestimmung dessen, was moderne »spanische« Arbeiten ausmacht an die Bedeutung regionaler Identität, Lussu hingegen macht auf den Einfluß aufmerksam, der aus anderen Ländern - im Falle Italiens durch emigrierte Schweizer Gestalter - ausgeübt wurde. Ähnliches gilt für Wirkungen, die tiefgreifende politische Wandlungen auf den Prozeß der Kulturproduktion haben und die es problematisch werden lassen, von einer einzigen, singulären Identität zu sprechen. Ist das GraphicDesign der ehemaligen DDR so ohne weiteres mit dem Begriff der »deutschen Identität« zu fassen? Steht Franco-Spanien für »spanische« Identität?

Demgegenüber erscheint es sinnvoller, bis auf jene Traditionen der europäischen Typographie zurückzugehen, die durch die Reformation und die daran gebundene drucktechnische Revolution historisch geprägt wurden und sich in Nord und Süd trennen, nicht in einzelne Länder. Wenn man es nur oberflächlich betrachtet, sieht es für das Design zunächst so aus, als läge der Begriff der nationalen Identität klar auf der Hand, bei näheren Hinsehen jedoch werden komplexere Zusammenhänge offenbar, die insbesondere die Auffassung von Identität als etwas Vereinzeltem infrage stellen.


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