s_fz7_8.jpg

 

form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

Michael Simon

Im Soundkanal. Musik und Stadt

 

Alle Versuche, die sich um eine Darstellung dessen bemühen, was Stadt heute ist und eventuell morgen sein wird, scheitern an ihrer Komplexität. Zu vielschichtig sind die Angriffspunkte, zu unterschiedlich die Perspektiven, zu undurchsichtig die urbanen Strukturen.

Einzig in der Vielfalt seiner Reflexionen ist das Städtische dem Begreifen zugänglich. Ein dafür besonders prädestinierter Bereich ist die populäre Musik. Wie die Welt der Massenmedien ist sie in allen ihren Details ein urbanes Phänomen. Integriert in soziale, wirtschaftliche Zusammenhänge läßt sie diese auch permanent anschaulich werden.

Die Stadt kreiert Inhalte für Musik aller Art. Sie ist Unterschlupf für Produzenten und Konsumenten, für Musiker und Publikum. Die Verwaltungszentralen der Musikverlage, die Studios und Preßwerke der Musikindustrie befinden sich in der Stadt. Ausgehend von der Stadt durchdringen Rundfunk- und Fernsehanstalten den Äther. Stadt ist ohne Musik nicht mehr zu denken. Es gibt keinen einzigen Ort, der nicht durch sie besetzt ist und sei es nur durch Assoziationen. In Kneipen und Klubs der Stadt spielen allabendlich Bands in der Hoffnung auf das Kommen des Talentesuchers, der das große Geld und die große Karriere verspricht. Musik dringt aus dem Radio in Wohnungen ein, erschließt Arbeitsatmosphären, umschmeichelt potentielle Käufer in den Warenhäusern, verkürzt das Warten am Telefon und gestaltet Freizeit.

Wie aber ist es umgekehrt? Wie erscheint das Städtische in musikalischen Texten? Die Frage wird an drei profilierten Bands (City, Pankow, Silly) aus der ehemaligen DDR bewegt und ist auf den Zeitraum zwischen 1978 und 1990 begrenzt. Ergebnis ist eine Collage ihrer Texte, in Ich-Form zusammengesetzt.

Stadt ist die Kulisse der Welt, was mich trägt, was ich unter den Füßen habe. Sie ist die Scherbenwelt, die Welt des Scheins, die mich tagtäglich umgibt, in der es Zufriedenheit nicht gibt und jeder doch scheinbar mit dem zufrieden ist, was er hat. Auto und Hund sind auch so ein Grund. Ich bin polizeilich gemeldet, beziehe regelmäßig die Zeitung und trinke mein Bier, vielleicht am Stammtisch in der Kneipe unserer Straße. Denn hier sitzen die, die immer hier sind. Jeder kennt jeden. Man fühlt sich heimisch.

Die Stadt ist schon da, wenn ich morgens aus dem Fenster sehe, so, als käme sie erst mit dem anbrechenden Morgen irgendwo her. Beim Bäcker um die Ecke hole ich Brötchen. Es riecht, wie es jeden Morgen riecht. Die Stadt hat ihren eigenen Geruch. Es hat die ganze Nacht geregnet. Der Park ist naß. Du machst Frühstück. Ich kenne dich seit gestern aus der Diskothek. Vielmehr, als daß du Inge heißt, weiß ich nicht von dir. Wir haben uns die ganze Nacht geliebt, denn wir waren beide durstig in dieser trockenen Stadt und hatten diesen Abend das Alleinsein satt. In der Stadt ist man allein, trotz der ständigen Unruhe und Bewegung. Die Stadt ist groß, der Mensch ist in ihr klein. Es ist der Ort der losen Beziehungen, an dem vom Zigarettenholen kaum ein Kerl zurückkommt. Menschen erfrieren zwischen Menschen und niemand zeigt dafür Interesse. Alle sind mit sich beschäftigt. Jeder von uns muß in eine andere Stadt. Es ist völlig egal, in welche. Vielleicht, wenn es der Zufall will, sehen wir uns irgendwann einmal wieder, in irgendeiner kalten Stadt. Ich höre, wie nebenan jemand seine Tür schmeißt und daß der Nachbarjunge flennt. Draußen kreischt die Straßenbahn.


... lesen Sie weiter in form+zweck 7+8: Mitgedacht - Dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität ...