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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

Michael Brie

Moderne zivilisatorisch.

 

1. Metaphern der Moderne: Juggernaut und Turmbau zu Babel

Die Moderne entzieht sich bindender Deutung. Immer neue Theorien, Bilder, Metapher und Losungsworte hervorbringend, verwandeln wir mehr als nur unsere Interpretationen. Unsere Welt und uns selbst in Worte, Töne, Farben fassend, verfassen wir sie und uns anders. Das Glasperlenspiel hat schon lange seine unschuldige Jenseitigkeit verloren. Das uneingelöste Versprechen der Großen Französischen Revolution von der brüderlichen Dreieinigkeit »Freiheit, Gleichheit, Eigentum« im Gepäck, die immer gleichen Mühen sich wandelnder Ebenen in den Knochen, den Verrat der Intellektuellen im Herzen, finden wir vor uns immer neuen Gebirgen ungelöster Probleme.

Ins Sein einer Makro- und Mikroräume durchdringender Megamaschinerien geworfen, reißen wir immer noch und immer wieder uns los von diesem Sein und verleihen unserem Handeln einen Sinn, versuchen, »im Flüchtigen das Ewige«, das »lebendige Absolute«, festzuhalten. So viele Gestaltungsversuche von sozialer Wirklichkeit auch gescheitert sind, so unwahrscheinlich die Rationalität jedes Eingreifens auch erscheinen mag, so gilt doch, »daß wir nicht die Freiheit haben, aufzuhören, frei zu sein«.

Diese Freiheit erzwingt auch je neue philosophische Synthesen der »Basisüberzeugungen«, von Tatsachenaussagen, Werteinschätzungen und Verhaltensvorschriften und ihrer kritischen Organisation. Philosophie hat es nun einmal mit Fragen zu tun, »die nicht bis zu Ende gelöst werden können und deshalb perennieren«. Die Offenheit der Geschichte macht kritische Sozialtheorie zu einem unabschließbaren Unternehmen, und sei es, um die Steine auf dem »Friedhof flüchtig aufscheinender Möglichkeiten« richtig setzen zu können.

Nach 200 Jahren sind die tragischen Mythen der Moderne unaufgelöst. Auschwitz, Hiroshima und der Gulag stehen für die Verwandlung menschlichen Handelns in das »Unmenschlich-Unheimliche«. In den Metaphern und tragischen Mythen der Moderne wird versucht, diese Verkehrung des »unvollendeten Projekts der Moderne« (J. Habermas) in eine »unbegrifflich komplexe, übermächtige Realität der (super-)industriellen Megamaschine anschaulich und erträglich (zu) machen«.

Die großen Klassiker der Moderne-Theorien - Karl Marx (1818 - 1883), Emile Durkheim (1858 - 1917) und Max Weber (1864 - 1920) - haben jeder eine eigene Metapher von der Moderne gefunden: Marx wählte die Gestalt des heidnischen Götzen, der den himmlischen Nektar aus dem Blut der Erschlagenen trinkt; Durkheim griff nach dem Bild von den pathologischen Kinderkrankheiten der Moderne; Weber schuf die Vision des ägyptischen Fellachen, eingefangen in ein eisernes System bürokratischer Hörigkeit.

Und jede dieser Metaphern ist eine Verheißung: Marx sieht mit der tendenziellen Zwangsläufigkeit von Naturgesetzen proletarische Revolutionen heranziehen, die durch die Enteignung der Enteigner den Götzen selbst zu Fall bringen, und in denen sich die Menschen die ihnen entfremdeten Kräfte wieder unterordnen und aneignen. Freie Entwicklung des einzelnen soll zur freien Entwicklung aller werden. Durkheim hofft auf einen, wenn auch schmerzhaften Selbstheilungsprozeß der Moderne. Eine Sozialform organischer Solidarität soll die von Gegensätzen zerrissene Gesellschaft seiner Zeit versöhnen: Ganzheitlichkeit und Individualisierung sollen zugleich gestärkt werden. Mit ruhiger Gewißheit sieht er eine Welt der Brüderlichkeit heranziehen.


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