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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

Hartmut Lettow

Papierseminar. Ideen aus Karton

 

1991 gründeten Designer, Architekten und Galeristen aus dem Osten Berlins den OST-WEST-EUROPA-DESIGN e.V. Dieser Verein versteht sich als Mittler und Interessenvertreter osteuropäischer Künstler und Designer und setzt große Hoffnungen in die länderübergreifende Arbeit an konkreten Projekten als Form des lebendigen Kulturaustausches. Im Spannungsfeld zwischen großartigen geschichtlichen Perspektiven und fortbestehender dramatischer Gefährdung der Zukunft ergeben sich auch für den Designer neue Aufgaben und Herausforderungen. »Es geht um die Suche nach der Gewährleistung der Bewohnbarkeit unserer komplexen und doch so widersprüchlichen Welt« heißt es in ihrem Programm.

Das erste konkrete Projekt des Vereins war ein zwölftägiger Workshop am Bauhaus Dessau zum Thema Design & Ökologie, konkret ging es um das Material Karton/Pappe/Papier. 20 GestalterInnen aus ost- und westeuropäischen Staaten, aus den alten und neuen Bundesländern kamen.

Karton ist schön, leicht, tragfähig, variabel einzusetzen, belastbar, dekorativ, individuell zu gestalten, kostengünstig und sehr gut recyclebar - eine Herausforderung für neue Lösungen. Einigkeit herrschte bei den Teilnehmern des Workshops »Ideen aus Karton« darüber, daß wir beim Thema Ökologie und Design erst ganz am Anfang stehen und über Absichtserklärungen meist nicht hinauskommen. Vorherrschend ist ein Gefühl der Ohnmacht. Meinungen wie: »kein neues Produkt mehr gestalten ist der beste Umweltschutz«, »der Industriedesigner als Zahnrädchen im Gefüge der industriellen Produktion - was kann er schon machen...«, »die da oben...« überwogen. Trotzdem erwies sich der Workshop als eine Möglichkeit der intensiven Auseinandersetzung mit ökologischen Forderungen an Produkte, Technologien und Produktion. Im Mittelpunkt der Arbeit standen Material-, Oberflächen- und Konstruktionsexperimente. Sich dem Material ohne Vorgaben von Auftraggebern, Sponsoren, Kommerzialisierungszwängen und konkreten Produktbedingungen nähern zu können, war für viele ungewohnt, aber eine wichtige Voraussetzung. Oft stellen sich Materialeigenschaften und neue Anwendungsmöglichkeiten erst durch Experimentieren heraus. Ein erster Weg, sich mit dem Werkstoff Papier/Karton vertraut zu machen, war, den Prozeß seiner Herstellung genau kennenzulernen. Unmittelbare Erfahrungen beim Papierschöpfen wie beim Prozeß der Pappmachégewinnung führten oft zu einem neuen Materialverständnis, zu einem verantwortungsbewußteren Umgang und zu einer materialgerechten Gestaltung.

In einer weiteren Phase wurden Ver- und Bearbeitungstechniken ausprobiert, auch, um das Material konstruktiv neu zu erschließen. Es konnten sowohl eigene Technologien, wie zum Beispiel das großvolumige Formpressen von Pappmachéteilen, entwickelt werden, wie auch übergreifende Konzeptideen zur dezentralen Herstellung von Recyclingprodukten bei Abfallverursachern.


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