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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

Holger Brohm

Sammelsurium

 

Claude Lichtenstein, Franz Engler (Hrsg.): Stromlinienform, Streamline, Aérodynamisme, Aerodinamismo; Museum für Gestaltung Zürich und Verlag Lars Müller 1992

 

1914 gab der Deutsche Werkbund sein zweites Jahrbuch unter dem Titel »Der Verkehr« heraus, in dem sich Peter Behrens mit dem »Einfluß von Zeit- und Raumausnutzung auf moderne Formentwicklung« beschäftigt. Eile und Hast gelten ihm als kulturelle Signatur der Moderne, sie bestimmen den Rhythmus des Lebens. »So ist es bereits selbstverständlich, daß wir die Schönheit eines Schiffes, einer Lokomotive oder eines Automobils nicht in ornamentaler Hinsicht, sondern nach der Schnittigkeit ihrer Linien beurteilen.« Walter Gropius sieht den Grundton der Zeit von Handel, Technik und Verkehr bestimmt, weshalb den »echten Formbildner, den Nicht-Dekorateur die modernen Aufgaben: Bahnhöfe, Fabriken, Fahrzeuge zu bauen offenbar viel tiefer [fesseln] als althergebrachte Bauprobleme«, auch weil sich ihm dabei neue technische und räumliche Voraussetzungen eröffnen. Beide, Behrens und Gropius, bemängeln aber, daß noch keine in diesem Sinne zeitgemäße »organische Form« entwickelt wurde. »Aus der Fülle der Möglichkeiten muß diejenige gefunden werden, die in gleicher Weise dem Gefühl des Künstlers wie dem Wissen des Technikers gerecht wird.«

Gropius wandte sich den einfachen geometrischen Figuren zu und konstruierte dementsprechend 1931 einen kastenförmigen PKW. In jener Zeit begann sich aber bei der Konstruktion von Fahrzeugen ein Formprinzip durchzusetzen, das sich nicht auf statische Gesichtspunkte berief, sondern sich von den Gesetzmäßigkeiten der Dynamik ableitete. Aus der Fülle der Möglichkeiten wurde ein anderes technisches Wissen als vernünftig gesetzt und bestimmte nun in gleicher Weise die Suche nach der organischen Form. Die Stromlinienform entstand, und mit ihr begann in den dreißiger Jahren die sogenannte »streamlining era«.

»Stromlinienform« heißt nun ein von Claude Lichtenstein und Franz Engler herausgegebenes Foto-Lese-Buch, erschienen als Katalog zu einer gleichnamigen Ausstellung, die in Zürich, Hagen und auch in Gropius' Bauhaus in Dessau gezeigt wurde. Schon ein erstes Durchblättern der dreihundert Seiten, wobei die Aufmerksamkeit mehr den Abbildungen als den Texten gilt, zeigt, daß trotz aller Bewunderung für die sinnliche Gestaltung mittels der Stromlinienform der Blick auf dieses Phänomen nicht an der silbern glänzenden Oberfläche verharrt, sondern »den Reichtum der Materie zu vermitteln und ihren Geist spürbar zu machen« versucht (S. 11). Zum einen wird eine vielfältige Formensprache sichtbar. Es gibt nicht die Stromlinienform, es gibt nur eine strömungsgünstige Form für den konkreten Fall. Zum anderen lassen Werbeplakate, die beispielsweise beim Peugeot 402 »Enchantement« (Verzauberung) die erotische Verführung des betont stromlinienförmigen Autos herausstellen, oder die vergrößerte Abbildung eines Bügeleisens, das seinen Bug ebenso stolz wie eine stromlinienförmig verkleidete Dampflok herausstreckt, erkennen, daß die Stromlinienform als ein komplexes kulturelles Zeichen zu lesen ist.

So verweist Claude Lichtenstein in seiner Einführung darauf, daß »die Stromlinienform über das Stilistische hinaus eine der Moderne inhärente Tendenz, ein Verbindendes jenseits gestalterischer Ähnlichkeiten« ist (S. 9). Sie läßt sich als »Verflüssigung der Bewegung« beschreiben, die ihren besonderen Reiz einer »Gleichzeitigkeit von Harmonie und Dynamik« dadurch bezieht, daß die unterschiedlichen Elemente »in eine Linie gebracht und zu einem zügigen Ganzen geformt« werden. Damit ist zugleich eine Glättung der Oberfläche verbunden, die oftmals durch eine besondere Farbgebung unterstrichen wird. »Diese Homogenisierung einer Form aus vormals unverbundenen Teilen ist die designgeschichtliche Leistung der Stromlinienform.« (S. 10)


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