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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

Hiroyoshi Ishibashi

Virtuelles Wetter

 

Petruschat

Was verstehen Sie unter Information allgemein, und was im Kontext Japans?


Ishibashi

Wissen Sie, wir Japaner gelten zunächst einmal als geschickt in bezug auf Produkte und nicht sosehr in bezug auf Ideen. Wenn es also um die Herstellung eines kleinen Mikrophons (wie hier vor uns) oder eines Tonbandgerätes oder einer Kamera geht, dabei sind wir, meine ich, ganz gut. In letzter Zeit haben wir gemerkt, daß nicht die Produktion von Geräten immer wichtiger wird, sondern die Organisation von Ideen, und deshalb will man nicht so sehr bloß etwas Herstellen in der Erwartung, jemand werde es schon kaufen, sondern man will wissen, was denn die Qualität ist, die wirklich vom Markt gefordert wird. Was also wirklich zu tun ist, bevor man anfängt, etwas zu machen, ist doch, über mehr Informationen zu verfügen, die die Herstellung des bestmöglichen Produktes für die Konsumenten ermöglichen würden. Nach meinem Eindruck haben wir uns in Japan zwar erst seit kurzem der Aufgabe verschrieben, geschickt Produkte zu erzeugen, ich meine aber, es könnte Zeit für uns sein, die Notwendigkeit neu zu bedenken, daß die Japaner im Umgang mit Informationen Geschick zeigen müssen.


Friemert

Aber für solches Geschick muß es ein praktisches Interesse geben.


Ishibashi

Wissen Sie, wenn man etwas herstellt, was nicht umweltfreundlich und vielleicht nicht gesund ist, wenn man einfach etwas herstellt, ohne diese Auswirkungen zu bedenken, dann ist das nicht das Richtige, was doch heißt, daß man mehr Einsicht haben muß in das, was man tut. Und was man da tun kann, ist eben, mehr Informationen zu sammeln.


Friemert

Im westlichen, demokratischen Verständnis sollte das in einer Weise organisiert sein, daß die Menschen einerseits mehr Selbstbestimmung erlangen und andererseits so, daß man mehr über die Welt erfährt.


Ishibashi

Es trifft zu, daß wir heute einerseits überall Informationen vorfinden und andererseits irgendwie mit Informationen überladen werden, die wir unmöglich verarbeiten können. Man weiß auch, daß die für die Zufriedenheit der Menschen absolut nötigen Informationen nicht immer verfügbar sind. Irgendwie bleiben äußerst wichtige Informationen verborgen. Wenn dann aber solche Informationen aus irgendwelchen gründen offenbar werden, erscheinen sie in Gestalt von Politikerskandalen und bestimmten gesetzwidrigen Geschäftspraktiken. Irgendwie gibt es eine unausgeglichene Verteilung der Informationen, was in Wirklichkeit heißt, daß man hier an zwei Dinge denken müßte: Das eine ist die Informationsmenge, die Quantität der Information, und dann müßten wir uns Sorgen machen, müßen wir auch nachdenken über die Qualität der Informationen. Wenn man wirklich eine System für Informationsverarbeitung hat, kann die Informationsmenge zu einer bestimmten Informationsqualität verdichtet werden, statt daß bloß so und so viele Daten gesammelt werden. Fragen Sie sich selbst: Wenn etwas sehr sehr gut verständlich und organisiert präsentiert wird, dann können Sie auditiv mehr Ideen schneller erfassen. Ich bin kein Fachmann in allgemeiner Informationstheorie. Ich insbesondere mit Wetterinformationen befaßt, und deshalb an Information allgemein interessiert. Wetterinformationen sind wirklich Informationen für jedermann, ob reich oder arm, ob alt oder jung - da gibt es keinen Unterschied. Wetterinformationen müßten allen Menschen in der Welt gegeben werden, damit sie in Sicherheit gelangen können und ihr Leben tatsächlich auch geschützt wird. Im Bereich der Wetterinformationen gibt es sehr viele Parameter und so viele Daten, und es gibt hundert Wetterphänomene - Regentag, Tag mit Schneefall, Tag mit Bewölkung, Nebel - einhundert Phänomene, die von der weltweiten meteorologischen Organisation in den Vereinten Nationen definiert sind. In Wirklichkeit gibt es noch mehr. Aber über wenigstens hundert Phänomene gibt es eine Einigung. Will man sich heute diese guten Informationen zugänglich machen, sieht man sich den Wetterbericht im Fernsehen an - da erscheint eine Wolke, aber es ist immer dieselbe Wolke, und diese Wolke bedeckt den Himmel. Informationen, die man im Fernsehen oder Radio als Wetterinformationen erhält, sind nicht wirklich das, was man haben will. Ist man Kameramann mit einem Fotomodell, möchte man das beste Bild bei gänzlich wolkenlosem Himmel machen. Als Betonierer genügt es, absolut sicher zu sein, daß bei der Herstellung eines Betondaches kein Tropfen Regen darauffällt. Die Nutzer der Wetterinformationen möchten also, daß ihren spezifischen Interessen entsprochen wird. Und die Informationen müssen denjenigen erreichen, der sie nutzen wird, und sie müssen spezifisch genug sein, um genutzt werden zu können. Dabei sind allgemeine Informationen nicht das Wesentliche. Wichtig bei der Wetterinformation ist tatsächlich die spezifische Information zu dem vom Nutzer zu lösenden Problem. Dabei gibt es viele Wege, dem Nutzer die spezifische Information zu übermitteln. Wie macht man das? Wir arbeiten heutzutage im Fernsehen sehr engagiert daran, so realistisch wie möglich ein im wahren Sinne des Wortes in Bewegung begriffenes Wetter (animated weather) zu schaffen Wir nennen es »virtuelles Wetter«. Das heißt, statt zu sagen, in Japan werde es einen typischen Regentag geben und einen Regenschirm zur Kennzeichnung zu zeigen (oder einen Schneemann als typische Information, wenn wir wissen, es wird Schnee geben) - obwohl noch niemand gesehen hat, daß Regenschirme oder Schneemänner vom Himmel fallen - müssen wir etwas finden, das das virtuelle Wetter so wirklichkeitsnah wie möglich zeigt. Und wir haben etwas, womit das gelingt. Wir glauben, daß wir im Wetterbereich ein bißchen Pionierarbeit leisten in unserem Bemühen, Daten in Informationen umzuwandeln, Informationen in realistischere, sinntragende Informationen umzuwandeln, nicht bloß in ein Wort oder in Sätze. Das letzte, an dem wir intensiv arbeiten, sind Visualisierungen, und es ist mir gelungen, das Wetter so zu visualisieren, daß es nichts ausmacht, ob mein Programm im deutschen oder im japanischen Fernsehen erscheint, weil wir die Phänomene eben sehen. Wir glauben, daß 80% der Informationen über das Auge kommen. Und im Hinblick darauf wollen wir soviel wie möglich visualisieren, und das streben wir augenblicklich an. Wir setzen deshalb bei der Differenzierung der symbolischen Darstellung an.


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