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form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

 

Jörg Petruschat

Vorsätze zur Kritik der ökologischen Vernunft

 

Am Anfang ein Befund. Er ist schon ein paar Jahre alt und stammt von der Mitbegründerin von GreenPeace, jetziger Umweltministerin von Niedersachsen und vor kurzem zur Sozialdemokratie konvertierten Monika Griefahn: "Der Planet Erde existiert seit etwa 4 [Mia.] 600[Mio.] 000 000 Jahren. Bringt man diesen unvorstellbaren Zeitraum in eine verständliche Größenordnung, dann läßt sich die Erde mit einem 46 Jahre alten Menschen vergleichen! Von den ersten sieben Jahren seines Lebens ist nichts bekannt. Während es lediglich bruchstückhafte Informationen über den mittleren Abschnitt gibt, wissen wir, daß die Erde erst im Alter von 42 Jahren zu blühen begann. Die Dinosaurier und die großen Reptilien tauchen gerade vor einem Jahr auf, als der Mensch 45 war. Die Säugetiere erschienen erst vor acht Monaten, Mitte vergangener Woche verwandelten sie sich in affenähnliche Menschen, und letztes Wochenende überzog die Eiszeit die Erde.

Den heutigen Menschen gibt es gerade seit vier Stunden. Während der vergangenen Stunde hat er den Ackerbau gelernt, und vor einer Minute begann die industrielle Revolution. Während dieser 60 Sekunden ist es dem heutigen Menschen gelungen, aus einem Paradies eine Abfallgrube zu machen. Er hat sich bereits so stark fortgepflanzt, daß Nahrung und Lebensräume knapp werden, er hat das Aussterben unzähliger Tier- und Pflanzenarten verursacht, den Planeten auf der Suche nach Brennstoffen heimgesucht und steht jetzt wie ein dummes Kind vor den entsetzlichen Auswirkungen seines kometenhaften Aufstiegs..." Das Bild scheint stimmig, ist es aber nicht. Nicht der Mensch hat aus einem Paradies eine Abfallgrube gemacht. Es sind - wie die inzwischen berühmt gewordene Weissagung jenes Indianerhäuptlings der Creek es formulierte - jene weißen Männer, die nicht begreifen, daß man Geld nicht essen kann. In Griefahns Metapher sind es die letzten sechzig Sekunden, die den Planeten zerstörten, die Zeit der industriellen Revolution und also die Lebenszeit des industriellen Menschen. Er, der industrielle, fleißige Menschentypus erscheint als die Endkonsequenz menschlicher Geschichte, als ihre - wenn auch traurige - Krönung. Was dem Indianerhäuptling in so einfacher Weise auszusprechen gelingt, die Vernichtung der natürlichen Lebensressourcen durch eine Zivilisation, die in der Beschleunigung des Geldverdienens blind geworden ist gegenüber den Stofflichkeiten des Lebens, denkt sich uns Weißen Männern so einfach nicht. Wir nämlich sehen uns freudig an dieser Spitze stehen, mit Kreditkarten in unserer Hand, die es uns erlauben, den Wunsch zum Vater all unserer Gedanken zu machen. Und so verwinden sich die Anstrengungen in den hochindustrialisierten Staaten in einer Spirale von Bemühungen, die verschlimmern, wenn sie zu verbessern glauben. Jedes neue Produkt wird entworfen zur Ermordung seines Vorgängers, jede neue Technologie, zu deren Folgeabschätzung eigens Institute gegründet werden, zeitigt neben den befürchteten noch ganz andere Folgen, wie es die Bemühungen zur Verbesserung der so einfachen Technologie des Wäschewaschens auf eindrückliche Weise zeigen: Eingebunden in die Gewohnheit, die Wäsche automatisch, und das heißt, sie chemisch zu reinigen, ist der Versuch jenes Element auszusondern, das die Seen tötet, auf makabre Weise irregelaufen: Statt dem Phosphat, das als Substanz bekannt und in Großverfahren auch isolierbar ist, sind nun Zusatzstoffe in den Waschpulvern, die mit dem gleichen Effekt, wie das Phosphat, die sauerstoffsüchtigen Algen in den Gewässern düngen - nur: die sind nicht mehr in gleicher Weise lokalisierbar und so geht die Zerstörung von Umweltgleichgewichten ungehemmt voran. Dem weißen Mann und der weißen Frau aber ist beim Einkauf von phosphatfreien Waschpulvern das Umweltbewußtsein gewaltig gestiegen und damit auch diese Zufriedenheit nicht zur Ruhe führt, werden die Verpackungen in einen fortwährenden Umlauf gepumpt, mit Energie zerpflückt, mit Energie zerkocht, mit Energie neu ausgewalzt, um - als Höhepunkt in ihrem immer schneller werdenden Verwertungsleben, zum wiederholten Male mit aggressiver Chemie gefüllt und mit bunter Chemie bedruckt zu werden - blauer Engel, grüner Punkt sind die Insignien der ökologischen Staatskirche, die unser aller Lebensheil verheißt. Warum, so fragte vor kurzem ein Meinungsforschungsinstitut, warum ändern sich die Verhaltensweisen so langsam, obwohl doch die Gefahr der Selbstzerstörung argumentativ völlig ausgefaltet ist, um, als Antwort, so etwas wie Schizophrenie im sozialen Bewußtsein festzustellen. Man hat sie gehört die Warnung, gut, und, man hört nicht auf sie. Worin liegen die Gründe hierfür?


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