s_fz7_8.jpg

 

form+zweck 78

Mitgedacht – dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität

 

Chup Friemert

Zum Geleit - Über die Geburt des Begriffs

 

Einleitung

Was der Begriff Moderne umreißt und was sich hinter ihm verbirgt, ist schwer zu bestimmen. Seine Bedeutung in der Geschichtswissenschaft unterscheidet sich erheblich von derjenigen in der katholischen Kirche, in der Mode erheblich von derjenigen in der Anthropologie, in der Soziologie erheblich von derjenigen in der politischen Praxis. Das macht allen Autoren, Wissenschaftlern und Philosophen Probleme. Trotzdem läßt es sich nicht bestreiten, daß es eine Moderne gegeben hat, wie ungenau oder unklar sie auch bestimmt sein mag. Wenn nichts anderes so doch wenigstens dies bestätigt die postmoderne Argumentation, - ich könnte auch sagen: der postmoderne Diskurs - weil sie ja bis zu ihrem Eigennamen auf die Moderne als eigene Konstitutionsbedingung verweisen. Daran gemessen ist der Titel unseres Forums »Die Moderne denken«, der ja einen Anspruch für die Gegenwart und in gewisser Weise für die Zukunft ausdrückt, von vorneherein antiquiert, wo doch der Gegenstand des Denkens, die Moderne, gerade vorbei sein soll. Das ist andrerseits aber kein wirklicher Schaden, weil es schließlich umgekehrt keine Verpflichtung gibt, sich stets auf der sogenannten Höhe der Zeit herumzutreiben. Es ist zu erwarten, daß wir uns nicht nur über Gegenwärtiges und Zukünftiges unterhalten werden, sondern daß wir auch in erheblichem Maß über Geschichte sprechen müssen, welche die Menschen selber machen, wenn auch nicht allseits frei.

Da wir uns in einem Haus aufhalten, das als eine Inkunabel der Moderne in der Architektur und im weiteren Sinne als eine solche moderner gestalterischer und künstlerischer Kultur gilt und weil dies in mein engeres Fachgebiet fällt, will ich zur Einleitung (vielleicht auch zur Unterhaltung) einige Bemerkungen zur Moderne in den Künsten und in der Kultur machen, nicht zuletzt deshalb, weil gerade Kunst und Literatur das Lieblingstummelfeld der Postmodernen geworden ist, mindestens was das Reden über Kunst und Kultur anbelangt. Reden erschüttert bekanntlich die Machenden, die Täter oft nicht - und in diesem Falle will ich offen lassen, ob zum Nutzen oder zum Schaden ihrer Sache.

Als Ausgangspunkt können wir die Rede von Jürgen Habermas nehmen, die er anläßlich der Verleihung des Adorno-Preises der Stadt Frankfurt 1980 gehalten hat mit dem Titel Die Moderne - ein unvollendetes Projekt. Unter Verweis auf Jauss zeigt er die Historie des Begriffs und formuliert seinen Standpunkt zur Moderne: Sie ist ihm dadurch gekennzeichnet, daß sie eine spezifische Handlungsform ist und daß sie nicht mehr wie früher (etwa noch in der Querelle des Anciens et des Modernes ) auf die Tradition verweist, nicht also eine erneuerte Beziehung zur Antike darstellt. Die Spezifik der neuen Bedeutung liege etwa seit 1850 im Aktuellen, Spontanen, sich Erneuernden. Habermas will diesen Gedanken nicht nur für ein spezifisches künstlerisches Werk gelten lassen, sondern damit künstlerische Praxis überhaupt bezeichnen. Seine Denkvoraussetzungen führen zwangsläufig an jenen Punkt, an dem er nach der Brücke fragte, die von der künstlerischen Vernunft zur Lebenswelt, zur Lebenspraxis geschlagen werden könnte. Dabei weist er eine bestimmte Antwort von vornherein ab, nämlich die, daß keine Brücke geschlagen werden kann vom Werk und auch nicht von der Kunst hin zur Lebenspraxis, sondern daß sie, um im Bild zu bleiben, von der anderen Seite aus vom Einzelnen gebaut werden muß. Ein solcher Perspektivenwechsel könnte sich als fruchtbar erweisen, und Habermas selber wird einmal unsicher, ob seine Frage denn produktiv gestellt ist, an jener Stelle nämlich, wo er die Kennerschaft als bürgerliche Form ablehnt, gleichwohl die in der Kunst - man merke auf - in der Kunst, in einem Roman nämlich von Peter Weiss vorgestellte Form der anstrengenden, tätigen, mühseligen, gleichwohl nicht gesellschaftlichen sondern im Weiss'schen Falle gemeinschaftlichen Aneignung sozusagen als Brückenbau gelten läßt, und dies findet ja nicht ohne Kennerschaft statt. Hier wird geradezu unter der Hand und über den Umweg eines Romans der wissenschaftlichen Theorie eine interessante Lektion erteilt, was ich mit einem gewissen Behagen wahrnehme, es ist allerdings eine Lektion, die von der Theorie nicht gründlich wahrgenommen wird, denn Habermas weist die private Form der Aneignung als bloß klassisch und wesentlich nicht ausreichend zurück, ja sie kaum als eine mögliche gelten läßt. Und da befindet er sich unzulässigerweise auf der Seite der Kunst, ihrer Produzenten, Produkte, Verhältnisse und fragt immer von dort aus weiter.


... lesen Sie weiter in form+zweck 7+8: Mitgedacht - Dabeigewesen, kleine Weltlaterne, Urbanität ...