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form+zweck 910

Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

Heinz Hirdina

Design, Miroir du Siécle

 

Das Pariser Grand Palais, eine Mischung aus Stein und Eisen, Ingenieurarchitektur, Akademismus und Jugendstil, stammt von der Jahrhundertwende. Vom 19. Mai bis 25. Juli 1993 verglaste es die Ausstellung Design, Miroir du siècle: in einem Spiegel des Jahrhundertbeginns spiegelte sich das Industriezeitalter. Am Ende einer in den Raum gebauten Brücke war tatsächlich ein Spiegel installiert, raumhoch, ein Zerrspiegel, der die Vielzahl der Objekte noch einmal als Konvolut zeigte, als diffuse Masse von Konsumgütern, dazwischen vereinzelt Dinge, mit denen auch gearbeitet werden kann. Design als Warenästhetik?
Das wäre zu einfach. Noch vor dem Eingang, auf der avenue Winston Churchill, sind mehrere Themen angeschlagen: die Mobilität in diesem Jahrhundert mit dem neuesten Model von Renault, dem kompakten Twingo, und einem Flugzeug der Air France. Mobilität des Individuums, Mobilität der Massen. Décaux inseriert sich am Rand des Trottoirs mit einem Gebilde zwischen überholter Litfaßsäule und Sitzbank als erster Hersteller von Straßenmobiliar. Das Grand Palais zeigt eine Fassadierung als Warenhauskatalog. Aber weder Kaufhausmusik noch das Duftgemisch von Parfumständen empfangen den Besucher, wenn er aus dem Flugsteig an der Fassade des Palastes auftaucht, sondern Halbfabrikate und Rohstoffe auf Europaletten hinter den Gittern einer imitierten Lagerhalle. Was folgt, ist Leere.
Ein weiß getünchter Gang, winklig, mal breiter, mal schmaler: Entleerung der Rezeptoren. Die Ouvertüre fällt aus. Nach der Enge die Weite des Kuppelraumes. Der Besucher, nahe der Längswand auf einem Gang mehrere Meter über dem Boden, umgeben von nervenden Geräuschen aus dem Lautsprecher. Industrie, das Belastende als Quelle der schönen Dinge? Blick nach unten: McDonalds in einem Stand von früher, aber mit heutigem fast food. Wie schön. Ein Design-Trödel im Karrée. Neugier. Ein Container mit veränderbarem Volumen. Groß. Ein Stand von Swatch. Riesig. Mini und Maxi dieses Jahrhunderts? Nein, einfach Sponsoren der Ausstellung, auf besagte Brücke, längs in die Mitte des Hauptschiffes gebaut. Es fängt an. Mit einer mobilen Wanne aus Blech. Man meint sie von Abbildungen her zu kennen, die Dantons Tod illustrieren, aber sie ist von 1860. Daneben ein Edison-Phonograph, Vorläufer des Grammophons, von 1880. Daneben der Thonet Nr.4 von 1849. Am Ende der Ausstellung noch einmal der Twingo, von 1993, ein Mini-Espace, froschäugig und rund, vor ihm Foto- und Videotechnik aus Japan, die minimierte und preisgekrönte Sony-Videokamera SPK-TRX von 1989 und die Epoca 135 von Canon vom Beginn der Neunziger. Dies unter anderem.
Badewanne und Twingo haben eines gemeinsam: die Anonymität ihrer gestalterischen Herkunft. Einmal ist es die Anonymität vor dem Designbewußtsein, das andere Mal ist es das Verschwinden des Designers in den Designzentren der großen Firmen. Wenn schon Handschriften, dann überlagern sie einander zugunsten komplexer Funktionen.
Zwischen Anfängen und Enden sieht man auf Schulen, Unternehmen, Gruppen, Richtungen und die meist mehr als weniger bekannten Designer. Zwischen Adolf Loos und Philippe Starck, dem Werkbund und Memphis die Anonymität der Kaufhausstandards, flankiert von Modewellen. Alles Design? Mit den Designernamen wechseln die Länder. Die frühindustrialisierten stehen am Anfang, Japan und Frankreich am Ende. Man sieht, wie Regionen einander in der Führung abwechseln: England, Deutschland, Skandinavien, Italien ... Der Osten bleibt das ferne, unbekannte Gebiet. Von der russischen Avantgarde der zwanziger Jahre keine Rede, aus der Tschechoslowakei Vereinzeltes, darunter die immer noch faszinierende Stromlinienplastik des Tatra T 87 (1939 - 1941, wenn die oft unzuverlässigen Angaben stimmen) von Hans Lewinka. Der Zauberwürfel von Ernö Rubik aus Budapest hat hier weder Geburtsort noch Vater. Aus Dresden die Exakta Varex. Von der ebenfalls von dort stammenden Penti ist den Ausstellern nur bekannt, was man sieht, daß es sich um eine Penti handelt, was auf dem Objektivrand steht, und das sie aus Plast und Metall besteht. Das Entwurfsjahr ist falsch.