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Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

 

Heinz Hirdina

Die Avantgarde und der Weg nach Byzanz

 

Von der minimalistischen Moderne zum Glanz des Art Déco ist es ein langer Weg. Aber beider Wege scheinen sich manchmal zu verbinden, streckenweise parallel zu laufen oder einander zu kreuzen. Vielleicht so wie feindliche Brüder einander begegnen.
Es ist oft genug beschrieben worden, was gewöhnlich unter Art Déco verstanden wird. Insgesamt erscheint er als je nach Künstler wechselnder Verschnitt aus verschiedenen Personal- und Schulstilen, mal beginnend bei Rennie Mackintosh oder der Wiener Werkstätte, mal vereinnahmend den Kubismus und Expressionismus, mal reagierend auf Konstruktivismus oder Futurismus. Als Garnierung wirken das Exotische fernöstlicher Lackarbeiten und aztekischer Ornamentik oder Versatzstücke des Alten Ägypten und der römischen Antike.
Aber vom Konstruktivismus beispielsweise nimmt Art Déco nicht die Formen als durchschaubare und einfache Strukturelemente von Wirklichkeit, sondern treibt ein dekoratives Spiel mit der Geometrie, vom Funktionalismus bleiben nicht die Gestaltungsaufgaben, sondern das von diesen Aufgaben Abgeleitete, die Bevorzugung moderner Materialien. Art Déco stilisiert den Funktionalismus zur Neuen Sachlichkeit.
Art Déco ist als der bedeutendste Stil auf der Ebene des Dekorativen bezeichnet worden. Seine Zeichen zielen auf Eleganz, Gefälligkeit, auf das Glänzen, Glitzern, das Metallische, Gläserne und Kristalline, auf das Raffinierte, Erlesene, Spielerische und Effektvolle - negativ könnte man von kühler, starrer Pracht sprechen, eben von Byzantinismus, wie es oft geschieht.
Über die zeitlichen Begrenzungen von Art Déco sind sich die Kunstwissenschaftler offenbar nicht einig. Der Franzose Jean-Paul Bouillon setzt den Beginn 1903 und das Ende 1940, die Amerikanerin Patricia Bayer läßt ihn 1912 beginnen und 1939 enden, der Amerikaner Charles Rahn Fry faßt dekorative Dessins zwischen 1913 und 1932 unter dem Begriff Art Déco zusammen, Paul Maenz bestimmt ihn als den herrschenden Stil zwischen den beiden Weltkriegen. Im Festsetzen eines Anfangs herrscht offenbar weniger Einigkeit als beim Bestimmen seines Endes, das gewöhnlich vor den zweiten Weltkrieg gelegt wird. Eine Ausnahme macht Susan Sontag, die behauptet, der eigentliche Stil der Nazis sei Art Déco gewesen. Da sie vor allem als Filmtheoretikerin urteilt, mag sie recht haben, weil sie Leni Riefenstahls monumentalen Klassizismus und die medialen wie realen Inszenierungen der Olympiade von 1936 sowie der NSDAP-Parteitage vor Augen gehabt hat, allgemein hat sie wohl eher unrecht.
Folgt man einem weiten Begriff, könnte man Art Déco als eine Verwandlung von Kunst in angewandte Kunst bezeichnen. Eine solche Verwandlung findet sich zum Beispiel auch beim Filmemacher Fritz Lang, wenn er formale Innovationen aus Expressionismus, Futurismus oder von der Avantgarde nimmt und sie zeichenhaft in seinen Filmen verwendet, zum Beispiel, wenn er die Burg der Nibelungen im Licht der Glasutopien von Bruno Taut erstrahlen läßt oder wenn in einer Landschaft aus Wolkenkratzern und Straßenschluchten Autos, Flugzeuge und Bahnen hin- und herflitzen oder wenn er die Transparenz der Avantgarde mit der Bedeutung lückenloser Überwachung belegt oder wenn monumentale Technik als tötender Moloch erscheint. Fritz Lang als Vertreter des Art Déco zu zitieren ist ebenso ein Grenzfall wie dies die Interpretation faschistischer Ästhetik als Art Déco ist.
Gängig hingegen sind die großformatigen Bildbände. Sie versammeln meist alles, was bis zum zweiten Weltkrieg an Pracht, Eleganz, dekorativer Konstruktion und Geometrie entstanden ist, aber man staunt doch etwas, wenn man beim Durchblättern auf Bruno Tauts Glaspavillon auf der Werkbundausstellung von 1914 oder auf das Dessauer Wohnzimmer von Walter Gropius stößt oder konstruktive Plastiken von Moholy-Nagy erwähnt werden, weil er unge¬wöhnliche Materialien zu ungewöhnlichen Gebilden konstruiert - von Le Corbusier ganz zu schweigen, der von derselben Autorin, Patricia Bayer, einfach deshalb dazu gerechnet wird, weil er 1925 auf jener Ausstellung vertreten war, die Art Déco später den Namen gegeben hat. 1966 hat es eine Erinnerung an die Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes gegeben, wiederum in Paris und wiederum mit einer Ausstellung unter dem Titel Les années 1925.