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form+zweck 910

Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

 

Kenji Ekuan

Eine neue Religion?

 

Hirdina

Herr Ekuan, Sie haben vor Jahren an transformierbaren Häusern, Wohnungen und Interieurs gearbeitet und sich als Metabolisten begriffen; aus der Group Koike, deren chairman Sie sind, kommen viele Projekte für den Schienenverkehr in Japan, und in Europa kennt man die Sojasaucenflasche von Kikkoman, von der kaum jemand wissen wird, daß dieser eher anonyme Designklassiker von Group Koike stammt und vor mehr als dreißig Jahren entwickelt worden ist. Woran arbeitet Ihre Gruppe gegenwärtig?

Ekuan

In diesen Jahren haben wir uns in einer Vielfalt von Projekten engagiert. Eins davon ist das Yamaha-Motorrad, ein weiteres gutes Beispiel ist der Narita-Expreß (N'EX) für die East Japan Railway Company. Wir arbeiten jetzt schon lange für die Japan Railways, die private Nachfolgerin der staatlichen Eisenbahnen, insbesondere für die East Japan Railway Company.
Eines deren jüngsten Projekte ist der Narita-Expreß, das schnellste und sicherste Verkehrsmittel zwischen Tokyo und seinem in der Präfektur Chiba gelegenen internationalen Flughafen. Trotz der vielen täglich zwischen Tokyo und Chiba verkehrenden Eisenbahnlinien fährt der Narita-Expreß auf den vorhandenen Gleisen und ohne Unterbrechung des normalen Fahrplans dieser Linien.

Hirdina

In den Projekten für den öffentlichen Verkehr sehe ich eine Kontinuität in Ihrer Arbeit, die offenbar über viele Jahre reicht. Was interessiert Sie an solchen Designaufgaben?

Ekuan

Es gibt dafür mehrere Gründe. Es ist immer wieder aufregend, an Projekten zu arbeiten, von denen Millionen Nutzer profitieren, und eine Designaufgabe für den öffentlichen Verkehr betrifft eben nicht nur den Zug, sondern auch das Informationssystem, und der Bahnhof ist nicht nur die Schalterhalle, an die sich überdachte Bahnsteige anschließen, sondern ebenso ein räumlicher Komplex für den Handel und andere Dienstleistungen. Wie die verschiedenen Funktionen, die einander überlagern, zu einem Netzwerk werden können, ist immer wieder eine spannende Frage. Wir sind an Netzwerken interessiert, nicht so sehr an vereinzelten Objekten. Was mich vor allem immer wieder bewegt, ist die Frage: Wie stellt man Ordnung in der Bewegung her? Sehen Sie diesen Kirschbaum im Garten, der gerade blüht. Der starke Eindruck entsteht nicht einfach durch die Blüten, sondern durch das Fallen der Blüten im Wind. Wir Japaner freuen uns jedes Jahr auf das Fallen dieser Kirschblüten. Auch der Kreisel wird zu einer Form erst in der Bewegung, oder sie ist zumindest anders als beim liegenden Kreisel. Und die Züge sind Formen von Bewegung in der Landschaft. Was in unserem Design immer wiederkehrt, ist die Suche nach einer Ordnung in der Bewegung, denn Gleise und Züge verändern nicht nur die Landschaft, sondern beeinflussen auch die Art und Weise, wie die Menschen leben.

Hirdina

Wenn man in Tokio mit seinen zwölf Millionen Einwohnern ist, kann man gut verstehen, welche Bedeutung ein funktionierender Personennahverkehr für Japan hat. Dennoch erscheint Tokio für den Fremden eher als ein Chaos.

Ekuan

Das Chaos stimuliert. Das Chaotische hat sehr große Bedeutung für die Suche nach mehr Ordnung, mehr Struktur, mehr Maß, auch nach mehr Ruhe. Aber das ist eine andere Ordnung, eine andere Ruhe, als sie vor 200 Jahren vorstellbar war, das sind Ordnung und Ruhe in der Komplexität, in der Bewegung, im Tempo. Der Postmodernismus hat es nicht geschafft, eine solche Ordnung herzustellen. Die Postmodernen erscheinen mir wie kulturelle Terroristen, jeder hat sein eigenes Netzwerk, nur kommt es darauf an, Netzwerke für andere zu entwickeln.

Hirdina

Sie haben sinngemäß in einem form+zweck-Interview vor fast zwanzig Jahren gesagt, das Besondere des japanischen Design läge in der Ballung von Energie auf kleinstem Raum. Objekte solcher Art sind inzwischen weltweit verbreitet. Wie würden Sie heute das entscheidende Problem sehen, vor dem das Design in Japan steht?

Ekuan

Japan hat eine mehr als hundertjährige Modernisierung hinter sich, die nach dem Muster von Europa erfolgt ist. Heute frage ich mich, was nach dieser Modernisierung kommen müßte. Wir sehen heute, das alles bestens funktioniert, daß das Leben aber langweilig geworden ist, der Funktionalismus hat seine Rolle ausgespielt.

Hirdina

Worauf Sie anspielen, ist ein technokratisch verkürzter Funktionalismus. Aber waren die klassischen Funktionalisten nicht immer auch Utopisten, die von einem neuen Leben in einer neuen Gemeinschaft geträumt haben?

Ekuan

Neue Funktionen tragen zwar Merkmale herkömmlicher Funktionen, müssen darüber hinaus aber auch eine geistige Rolle beinhalten, die den Vorstellungen des Animismus, wonach Objekte Gefühle haben, ähnelt. Objekten von Menschenhand muß wie allen Dingen in der Natur ein Geist innewohnen. Andernfalls gebraucht der Mensch sie bloß als funktionelle Werkzeuge, bar jeder Gefühlsbindung oder Freude beim Gebrauch.
Das Design der Zukunft wird dadurch gekennzeichnet sein, daß das Gespür für den dem gestalteten Objekt innewohnenden Geist die Welt des Menschen und die Objektwelt zusammenschließt. Sowohl die Suche nach einem Geist in den Objekten als auch der Wunsch, daß dem Menschen und den Objekten Disziplin eigne, haben einen religiösen Aspekt.

Hirdina

Eine neue Religion?

Ekuan

Ja, eine neue Religion, die Suche nach neuen Bedeutungen. Der Postmodernismus hat nur neue Formen geschaffen, nicht nach den Bedeutungen der Formen gefragt. Wonach wir dagegen suchen sollten, sind Objekte für eine glaubwürdige und sichere Welt.