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Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

Jaechoon Yoo

Liegendes Land

 

Durch die Industrialisierung Koreas hat sich seit dem zweiten Weltkrieg auch das Alltagsleben der Koreaner sehr verändert. Viele Gegenstände des Alltags - Möbel, Elektrogeräte, Konsumgüter - die sich am Lebensbild der westlichen Welt orientieren, haben Einzug gehalten in das koreanische Leben, Wohnstil und Verhaltensweisen der Koreaner verändert. Wer sich nicht ganz und gar dem westlichen Lebensstil angepaßt hat, kann die neuen Alltagsgegenstände als Fremdkörper empfinden und sie nicht mit Familienleben und Lebensgefühl in Einklang bringen. Ich bin in Korea aufgewachsen und lebe seit neun Jahren in Deutschland. Viele Aspekte der westlichen Gesellschaft habe ich schätzen gelernt, aber sie sollten dem koreanischen Lebensgefühl so angepaßt werden, daß dabei deren kulturelle Identität erhalten bleibt.
Am Beispiel der vielfältigen Nutzung des Bodens in koreanischen Wohnungen möchte ich zeigen, wie eine solche Verbindung von westlicher und koreanischer Kultur aussehen kann. Dazu zeige ich zunächst die wichtigsten identitätsstiftenden Aspekte der koreanischen Kultur.
Verschiedene Wohnformen möchte ich beispielhaft an vier Familien vorstellen. Dem vorangestellt gebe ich einen kurzen Überblick über die historische und politische Situation, vor deren Hintergrund sich dann die koreanischen Wert- und Moralvorstellungen besser erklären lassen.

Was prägt die Lebensphilosophie?

Konfuzianismus und Buddhismus sind für die Koreaner die wichtigsten Religionen. Sie haben die Lebensphilosophie der Koreaner stark beeinflußt.
Konfuzianismus:
1. Loyalität zwischen Obrigkeit und Untertan.
2. Ehrfurcht zwischen Eltern und Kindern.
3. Treue und Gehorsam zwischen Eheleuten.
4. Respekt und Ehrerbietung zwischen alt und jung.
5. Vertrauen und Wertschätzung unter Freunden.
Buddhismus:
Das Sein ist nichts anderes als das Nichts und das Nichts ist nichts anderes als das Sein. Das heißt, das Sein ist gleich dem Nichts und das Nichts ist gleich dem Sein. Gefühl und Gedanke, Handlung und Bewußtsein bedingen sich genauso gegenseitig, sind voneinander abhängig.

Wie leben die Koreaner?
Das Haus
Das Haus bedeutet Geborgenheit. Die Koreaner leben mit wenigen Möbeln. Der Boden an sich ist am bedeutendsten. Das Leben auf dem Boden und die wenigen Möbel ermöglichen eine große Flexibilität. Das Haus sollte nach Süden ausgerichtet sein, damit wenig Sonne in die Räume fällt. Es wird in den vier Jahreszeiten unterschiedlich genutzt. Vor den meisten geschlossenen Räumen gibt es einen Vorraum, dessen »Wände« im Sommer weggeklappt werden. Er verbindet alle übrigen Räume miteinander. Dieser Raum ist typisch für die koreanische Architektur. Man schläft, ißt und lebt dort. Im Winter klappt man die »Wände« herunter, um die Wärme der Fußbodenheizung optimal zu nutzen.
Nur die Küche hat sich im Laufe der Zeit verändert. Sie ist der einzige Arbeitsplatz im Hause, entsprechend ihrer Bedeutung, größer geworden.
Die Toilette liegt abseits.

Die Tür
Die koreanische Tür hat verschiedene Bedeutungen. Nach alter Tradition zeigte die Tür die soziale Position des Hauseigentümers. Gern gibt man seinem Haus einen Namen. Dieser Name steht an der Tür. Fremde Leute sollen nicht ins Haus sehen können. Die Koreaner glauben, daß das Glück in Gestalt eines Geistes sowohl durch die Tür hinein als auch hinaus gehen kann. Deshalb hängt an der Tür ein Haussegen. Das Haus sollte groß und die Tür sollte klein sein, damit das Glück lange im Haus bleibt. Um das Haus vor Räubern zu schützen, sollte die Tür aus Kastanienholz sein.
Drei Holzstäbe geben je nach Anordnung dem Gast Nachricht. Wenn die Holzstäbe mit einer Seite auf dem Boden liegen, ist jemand zu Hause. Wenn ein Holzstab auf beiden Seiten in den Löchern steckt, bedeutet das: »Ich komme gleich wieder«, der Gast soll warten. Sind zwei Löcher besetzt, ist Warten unnötig und der Besucher soll an einem anderen Tag wiederkommen.

Materialien
Vor dem 2. Weltkrieg gab es wenige industrielle Produkte beziehungsweise Industriebetriebe in Korea. Die meisten Gegenstände wurden Zuhause selbst hergestellt. Nur Möbel baute der Zimmermann.
Reisstroh: Reisstroh fällt genügend an, nach der Ernte. Vom Spätherbst bis zum Frühling gab es ausreichend Gelegenheit, daraus etwas zu machen. Gegenstände aus Stroh findet man auch heute noch überall: Strohdächer, Strohseile, Strohmatratzen, verschiedene Behälter, Taschen, Schuhe...