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form+zweck 910

Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

Jörg Petruschat

Was man schon immer über den deutschen Haushalt wußte und sich deshalb nicht zu fragen traute

 

Ein Katalogbuch will zweierlei: durch die Ausstellung führen und das kommentieren, was in der Ausstellung keinen Platz fand , zu kurz kam oder fürs Medium Ausstellung ungeeignet ist. Gleich im Vorwort bremst Günther Uhlig jedoch die Erwartungen:
So ist die Ausstellung nicht prophetisch, sondern diagnostisch. Statt belehrende Vorschläge für die bessere Zukunft sucht sie Erklärungen für die Gegenwart, statt Vision und Programm kommen die Dinge des häuslichen Alltags selbst und ihre Geschichte(n) zu Wort.(85)
Eingeteilt in die Kapitel Oikos, das ganze Haus; Küche und Haushalt im Wandel; Wohnform und Lebensstil; Vom Vorratskeller zur Nahrungsmittelindustrie; Über das Essen; Tischkultur; Die Hausreinigung; Elektronik und Ökologie - das Haus der Zukunft; Der mobile Haushalt ist der Ausgangspunkt vieler Beiträge die Kompetenz von Muttern's Küche, verlängert durch die oder die (zumeist) historisch angelegte Lesefrucht.
Was erfahren wir? Der Haushalt, das hat etwas mit dem griechischen Oikos zu tun und dieser Oikos fand sein Zentrum in der Feuerstelle, dem Herd - so gesehen, habe sich am Haushalt wenig verändert: auch heute noch drehe sich das Haushalten um das Essen, die Sauberkeit und die Ordnung, und so sei es nicht weiter verwunderlich, daß der heutige Trend zur Wohnküche, den Herd (mit Mikrowelle) wieder ins räumliche Zentrum setzt.
Die Entwicklung der Küchentechnik, die Differenzierung in der Küchenausstattung je nach sozialem Prestige und Leistungsvermögen, die Veränderung der Nahrungsmittel und ein entwickelteres Abfall/Ressourcenbewußtsein bestimmen nurmehr den Formwandel der haushälterischen Bedingungen. Damit die Moderne zu ihrem Recht kommt wird die Hausfrau >erfunden<, zur Maschinistin gemacht, um schließlich ins androgyne Oikos-Management überzumutieren. Was all dies betrifft, bietet das Buch unterhaltsame, aufs Historische ausgelegte Betrachtungen. Darin erscheinen die Bemühungen um die Rationalisierung der Hausarbeit ebenso wie die jüngsten Versuche, dem rationalisierten Zentrum des Wohnens wieder besinnliche Momente zuzueignen, die technisch hochgerüsteten Maschinenparks wieder zu gemütlichen Arbeits- und Beschäftigungsstätten zu konvertieren. Warum nicht wieder Sahne mit der Hand schlagen, als ewig nur die Maschinenteile abzuspülen?
Was bei all dem manchmal lockeren, manchmal angestrengten Geplauder unter den Tisch fällt ist: Haushalt hat etwas mit Haushalten, mit Verwaltung und Selbstbestimmung des existentiellen Zusammenhangs zu tun. Die Reflexion auf diesen Zusammenhang muß sowohl mit mikroräumlichen Gewißheiten wie mit makroräumlichen, globalen Ungewißheiten zu hantieren wissen - die Möglichkeit, das viele Geld, das dem Oikos-Unternehmen zur Verfügung stand, diesem (oder einem anderen) dialektischen Ansatz hinzugeben, ohne dem hungernden Neger die Solarküche aufzuschwafeln, sich wenigsten die Frage zuzulassen, was Haushalt etwa in nicht abendländisch-hochzivilisierten Kulturkreisen bedeuten könnte - dies wurde gründlich vertan. Treudeutsch wurde an die griechische Tradition angeknüpft, aber nicht um etwas zu erfahren, sondern weil eben Oikos als Mythos von Ökologie heute so in ist. Daß selbst hier seit der griechischen Polis im Haushalten ein defizitärer Prozeß abgelaufen ist, bei dem an die Stelle von Tätigkeit, Raumnutzung und sozialem Austausch Gegenständlichkeit getreten ist, die mechanisiert und elektronisiert wurde, daß unter dem Vorzeichen der Entlastung eine Übertragung bestimmter haushälterischer Leistungen an ein anderes, nämlich an bürokratische und synthetische Medien erfolgt ist, bei gleichzeitiger Preisgabe von Souveränität über den eigenen Lebenszusammenhang, daß die Externalisierung von Haushaltsfunktionen zur Enthäuslichung des Einzelnen und zum Verzehr der Natur führt, taucht in dem umfänglichen Buche nur am Rande noch auf. In der antiken Polis nämlich wurde der Staat durchaus als makroräumliche Version des mikroräumlichen Haushaltes begriffen. Hier liegt der ursächliche Zusammenhang von den beiden Seiten, die sich heute wie Gemsböcke in der Brunft gegenüberstehen:
Verachte mit die guten Haushälter nicht, lieber Nikomachides! Die Verwaltung des eigenen Besitzes unterscheidet sich nämlich von der Staatsverwaltung nur dem Umfange nach, in jeder anderen Hinsicht bestehen Parallelen. (Xenophon: Erinnerungen an Sokrates, Leipzig 1976, S. 81) Wenn allerdings Klaus Heyer die antiken Schriften nur nach Frauennamen durchblättert in der merkwürdigen Annahme, damit etwas über den Haushalt zu erfahren und ihm deshalb wichtige Gedanken entgehen, zeigt das die Verfahrenheit des ganzen Unternehmens: eine kritische, die Auseinandersetzung erfordernde Sicht auf den Zusammenhang von Oikos und dem heute schiefen Verständnis von Ökologie kann so gar nicht erst aufkommen. Zu den Ausnahmen zählen die Beiträge von Detlev Ibsen (Die Erhaltung der Erholungslandschaften und die Sicherung natürlicher Ressourcen wie Wasser hängt [...] an dem seidenen Faden der Persistenz >alter< ökonomischer Prinzipien.[S. 33]), Walter Scheiffele, Helmut Häußermann und Walter Siebel, Thomas Fuchs, Ulrich Tolksdorf, Ot Hoffmann, Odo Marquard und Jo Krausse (sehr schön die Gedanken über das Feuer beim Wassertragen).