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form+zweck 910

Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

Rainer-W. Ernst

Wirklichkeit und Differenz

 

Prolog

Von Orwell - sagt man - stammt der Ausspruch: "Im Mittelpunkt steht immer der Mensch, damit steht er aber auch immer im Wege". Zur Orientierung von Stadtexperten bzw. Stadtexpertinnen auf der Suche nach dem humanen Charakter von Stadt lässt sich die Aussage auf die Frage reduzieren: Mensch oder Nummer?
Damit soll verkürzt ausgedrückt werden, daß es zu den grundlegenden und nie abzuschliessenden Aufgaben der Profession gehört, Widersprüche zwischen Ordnungskonzepten und Humanisierungsvorstellungen aufzuspüren.

1. Wahrnehmung und Wirklichkeit von Stadt

Den statistischen Untersuchungen und allgemeinen Beobachtungen der UN-Organisationen zufolge wird Stadt im Rahmen eines weltweit intensivierten Urbanisierungsprozesses mehr und mehr zum vorherrschenden Wohn- und Lebensort der Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen hat sich die Zahl der Bewohner von Städten in der sogenannten "Dritten Welt" zwischen 1960 und 1980 mehr als verdoppelt, und wird sich bis zum Jahre 2000 noch einmal verdoppeln. Der städtische Wohnungsbedarf in der "Dritten Welt" steigt nicht nur wegen des explosiven Bevölkerungswachstums in den Städten, sondern auch aus anderen Gründen. Durch Veränderungen in der Sozialstruktur zum Beispiel (insbesondere Familienstruktur) nimmt die relative Zahl der Haushalte in vielen Städten zu, was selbst bei einer Verlangsamung des Bevölkerungswachstums in einer Stadt zu einer Bedarfssteigerung führen kann. UNCHS (United Nations Center for Human Settlements) schätzt, daß bis zum Jahre 2000 mindestens eine Milliarde zusätzlicher Wohneinheiten gebaut werden müßten, um die Gesamtbevölkerung der Welt in menschenwürdigen Wohnungen unterzubringen.
Haushalte mit geringen Einkommen sind von der Wohnungsnot besonders betroffen. Nach Schätzungen der Weltbank wird sich bei gleichbleibender Einkommensverteilung bis zum Jahre 2000 die Zahl der Haushalte, die in den Städten der Dritten Welt mit Einkommen unterhalb des "Existenzminimums" leben müssen, beinahe verdoppeln. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit teilt hierzu mit, daß 1980 bereits 41 Millionen städtische Haushalte unterhalb des mit "Armutsschwelle" bezeichneten Einkommensniveaus, das gerade den Kauf der überlebensnotwendigen Nahrungsmittel gestattet, lebten; im Jahre 2000 würden es über 74 Millionen Haushalte sein - die meisten davon in Südasien und Lateinamerika.

Die armen Haushalte in den Städten der sogenannten "Dritten Welt" sind bei der Wohnraumbeschaffung oft auf "illegale" Situationen außerhalb der "geordneten" Stadtplanung und der gegebenen Besitzverhältnisse angewiesen; so wachsen die Städte vor allem in Form der Erweiterung und Ausbreitung von ungeplanten und ungenehmigten Siedlungen mit mangelhafter oder gänzlich fehlender infrastruktureller Ausstattung. Mit dieser unkontrollierten Stadtentwicklung wachsen entsprechend die organisatorischen, technischen und finanziellen Probleme der Infrastrukturversorgung. Daher gewinnen für die Stadtentwicklungsplanung die Aufgaben Ausbau und Ausstattung, Reparatur und Erneuerung der vorhandenen Stadt, insbesondere auch der alten Stadtzentren oder Altstadtquartiere, an Bedeutung.

Die Diskussion um die Urbanisierung in der "Dritten Welt" ist in den letzten zwei Jahrzehnten im wesentlichen
- durch Darstellungen der weltweiten und explosionsartigen Urbanisierung, der dramatisch anwachsenden Wohnungsnot,
- durch die Beschreibung von Elendsvierteln (wie Slums, Squattersiedlungen etc.) und
- durch Analysen der Ursachen von Landflucht bestimmt worden.
In der internationalen Diskussion standen deshalb einerseits verschiedene Projekte zur Lösung der Wohnungsprobleme (wie Low-cost Housing, Site & Service-Projekte, Selbsthilfe, Kooperativen, angepaßte Bautechnologie, neuerdings auch Projekte der intergrierten Stadtentwicklung) und andererseits Projekte zur ruralen Entwicklung im Vordergrund. Während versucht wird, mit dem Vorantreiben der ländlichen Entwicklung und der Stärkung von Mittelstädten die Attraktivität der Großstädte zu verringern, sollte und soll gleichzeitig die Steuerung der Entwicklung von größeren Ballungsräumen durch Stadt- und Regionalentwicklungspläne und schließlich durch den Aufbau von Planungsabteilungen ermöglicht werden.