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form+zweck 910

Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

Elisabeth Linnebuhr

Zawadi Ni Tunda La Moyo

 

Kleider meinen Leute
Ein altes Sprichwort der Swahili, einer Kulturgemeinschaft an der ostafrikanischen Küste, besagt: »Mke ni nguo, mgomba lupalilia. Eine Ehefrau bedeutet Kleider, wie einen Bananenstaude jäten bedeutet.« In der Tat: verheiratete Swahili-Frauen brauchen viele Kleider, aber noch mehr Kangatücher. Geht eine Swahili-Frau zu einer Hochzeit, sind neue Kleider von Nöten, gefällt ihr ein Spruch auf einem neuen Kangatuch, kauft sie ein gora, ein paar Kanga.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind die bunten Kangas begehrt. In Kenya und Tanzania spielen diese industriell produzierten Baumwolltücher mit Sinnsprüchen eine bedeutende Rolle für die kulturelle Identität von Frauen, vor allem in den swahilisprechenden Gesellschaften an der Küste und im Hinterland des Indischen Ozeans. Eine Kanga-Botschaft, in Form eines aufgedruckten Spruchs, kommentiert die Vorstellungen der Lebenswelt. Meist lassen sich die Botschaften von Kangas so konkret auf soziale Verhaltensweisen beziehen, daß sie in einem sozialen Kontext bestimmte Adressat(inn)en auffordern, kommunikativ zu reagieren.

Die rechteckigen Kangas sind mit einem großflächigen, ornamentalen Motiv im Mittelfeld, darunter einer gut lesbaren, einzeiligen Aufschrift in Kiswahili, und einer Bordüre am Rand bedruckt. Der Druck setzt sich aus zwei bis drei leuchtenden Farben auf weißem oder goldgelbem Grund zusammen. Die Bordüre besteht vielmals aus einem Rankenmuster, das Mittelmotiv stellt Blumen, Pflanzen, Tiere, Gegenstände oder geometrische Figuren dar. Ein Zusammenhang zwischen Aufschrift, Motiv und Farben ist nicht oft gegeben.

Die Aufschrift, in Form eines Aphorismus, Sprichworts, Rätsels oder einer Parole, spricht die ethischen Bereiche an. Wobei die gesellschaftlichen Regeln, die Sexualität, das Geschlechterverhältnis, die Konkurrenz, der alltägliche Kampf um die Ressourcen, die Politik und/oder die Religion thematisiert werden. Kangabotschaften bedeuten Kommunikation und erzielen Integration und Individuation im kulturellen Kontext.

Mit Kangaaufschriften wird das, was Frauen und Männer nicht verbalisieren, übermittelt. In ihrer Funktion als Medien haben die Aufschriften der Kangas einen höheren Stellenwert als ihre Muster und Farben. »Die Sprüche müssen passen« sagen die Swahili-Frauen. Beim Kauf ist der Text entscheidend, das Bildmotiv ist sekundär.

Das Kangaangebot ist reichhaltig. Zweimal im Monat kommen neue Produktionen auf den Markt. Kangas werden derzeit in großen Mengen in Kenya, Tanzania, Indien und China produziert. Während der Kolonialzeit wurden Kangas hauptsächlich in England, den Niederlanden und Indien hergestellt und waren nur alle vier Wochen lieferbar.

Im Sommer 1993 hatte ich Gelegenheit, den Kangagebrauch und das Handeln der Swahili-Frauen in Malindi, einer Küstenstadt in Kenia, photographisch zu dokumentieren.

Kangaepisoden im Leben von Jasmin
Nachdem mich Jasmin einige Wochen kennengelernt hatte, ließ sie mich teilhaben an den persönlichen Geschichten, die sie mit einigen Kangas verbindet.

Jasmin ist 28 Jahre alt. Sie erzählt mir, daß sie sich nach ihrer Trennung von ihrem ersten Mann ein Kanga kaufte, auf dem steht: USINILAZIMISHE (Zwingt mich nicht!). Zur Vorgeschichte dieses Kangakaufs fügte sie hinzu: »Viele Leute kamen und wollten mich zur Rückkehr bewegen. Als ich des Geredes leid wurde, kaufte ich mir dieses Kanga und sie hörten auf, nachdem sie es an mir gesehen hatten.«

Später, nachdem sie erneut heiratete, mißbilligten manche Bekannte ihres Mannes die Verbindung, worauf sie sich ein Kanga mit der Metapher KUNA HALUA MAKOMBO? (Ist Halwa übriggeblieben?) zulegte.

Ihr Mann kam eines Nachts sehr spät nach Hause. Sie dachte, daß nun die Ehe zu Ende ginge. Am nächsten Tag nach der Arbeit brachte er ihr ein Kanga: NISAMEHE (Verzeih mir!) mit.

Nicht nur Frauen tragen Kangas. Am Abend und um ins Bett zu gehen, teilen sich Mann und Frau ein gora, ein Kangapaar, vielleicht mit MACHO YAMEONANA MOYO ZASEMEZANA (Die Augen haben sich gesehen und die Herzen fangen an zu sprechen.)

Vor einem Vierteljahr bekam Jasmin ihr jüngstes Kind.