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form+zweck 910

Kleine Weltlaterne, Art Déco


 

Justus Theinert

Zwischen Übermut und Bitterkeit

 

Im Design wächst langsam das Bewusstsein, einseitig technokratische Arbeits- und Denkweisen hinterfragen zu müssen. Es wird deutlich, dass der Mensch und sein Umfeld sehr vielschichtige Anforderungen an ein Produkt stellen, die der Designer alleine nicht erfüllen kann. An allen von mir besuchten Schulen versteht man Design heute als ganzheitlich orientierten Prozeß, in dem der Mensch mit all seinen physischen und emotionalen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Das Design der neunziger Jahre ist das human design. Die Arbeit des Designers ist immer weniger an konkrete Produkte gebunden. Es eröffnet sich zunehmend Raum für konzeptionelles Arbeiten. Unter dieser Grundströmung lassen sich weitere Schwerpunkte in der Designausbildung ausmachen.
PRODUKTSEMANTIK
Die Produktsemantik hat durch den Wertewandel Anfang der achtziger Jahre eine neue Ausrichtung bekommen und sich von der einengenden Ideologie, die das Design bis dahin beherrschte, gelöst. Noch lange folgte sie der Maxime form follows function. Die Produktaussage war mehr an die technische Wirkungsweise als an die Bedeutung des Produktes gebunden. Dies ist im Begriff, sich zu ändern. Die Frage nach dem Sinn der Dinge ist heute wichtiger als die bloße Darstellung ihrer Arbeitsweise. Die Mikroelektronik brachte diese Entwicklung in Gang, da es unmöglich geworden war, die Funktion nach außen zu übertragen.
ÖKOLOGIE
Auch wir Designer sind nicht frei von der Vorstellung, Umweltprobleme ließen sich lösen, wenn nur ökologisches Design weite Verbreitung finden würde. Die viel zu seltenen Bemühungen, den Schaden zu begrenzen verdienen hohe Anerkennung, gehen aber nach wie vor von der industriellen Massenproduktion aus. In der Designausbildung zeichnen sich erstaunliche Unterschiede im Umgang mit dem Thema Ökologie ab. In Italien ist die Vision der postindustriellen Gesellschaft konkrete Utopie. Damit erhält die Frage, neben der werkstoff- und fertigungstechnischen, eine kulturhistorische Dimension. In Finnland bemüht man sich um gesicherte Fakten, um das Problem in seiner Vielschichtigkeit zu analysieren, und alle Wechselwirkungen einzubeziehen. Wissenschaftliche Arbeit bildet die hervorragende Grundlage, vernünftige Teillösungen zu entwickeln, die sich nicht gegenseitig aufheben. Hier erhält die Frage eine pragmatische Dimension. In Frankreich ist das Bewusstsein für ökologische Probleme nur schwach ausgeprägt, allerdings ist die Aktualität der Diskussion Grund genug, sich damit zu profilieren. Manchmal auch mit positivem Ausgang. Hier erhält die Frage eine ideologische Dimension. In Deutschland ist die Umweltdiskussion ein willkommener Anlaß, nach dem vermeintlichen Verlust des Leitbildes Funktionalismus, das Dogma Ökologie auf die Fahnen zu schreiben. Ganz geschickte Unverbesserliche leiten aus der Notwendigkeit umweltgerechter Produkte eine Aktualität antiquierter Werte ab. Hier erhält die Frage eine moralische Dimension.

Finnland

Helsinki, Stadt der Kongresse, der Diplomatie, wo sich der Wind nach den Fähnchen richtet. International, Prominenz aus aller Welt. Kongreß für Produktsemantik an der University of Industrial Arts. Plötzlich scheint es so wichtig, daß Produkte sprechen lernen. Die Guten haben es immer getan. Ist es nicht gerade dieser Zauber, den man ihnen nicht entreißen darf? Finden wir hier Gesetzmäßigkeiten, dann haben wir das Wesentliche verloren.

Aufbaustudiengänge, Lizentiat- und Doktorandenstellen. Die Schule widmet sich der Wissenschaft. Grundlagenforschung im Design gewissermaßen. Der geduldige Aufbau von Informationsstrukturen (wie die Datenvernetzung mit anderen Universitäten), die für Wissenschaftliches untentbehrlich sind, zeigt die Ernsthaftigkeit der Bemühungen, die Designausbildung aus dem diffusen Licht handwerklich-künstlerischer Inspiration zu befreien.

Freie Künste, Design und Wissenschaft. Dazwischen, gottlob, Kunsthandwerk. Modern mit Tradition. Da ist die Grenze zwischen Kunst und Design wenigstens definiert und kann überschritten werden. Das Design kann sich ungestört der Wissenschaft nähern, ohne in den Verdacht zu geraten, die künstlerische Intuition zu ignorieren. Die Kunst kann sich am Design versuchen, ohne in die Gefahr zu kommen, vereinnahmt zu werden.